Neues aus Sportdeutschland

„Wo Sportvereine stark sind, bleibt Gemeinschaft lebendig“

Sandy Adam ist seit Februar 2026 Professor für Management/Sportmanagement und Studiengangsleiter Management an der Fachhochschule für Sport und Management Potsdam. Sport ist für ihn nicht nur berufliches Themenfeld, sondern täglicher Begleiter – mal aktiv, mal beobachtend, aber immer präsent. Besonders der Fußball hat seinen Blick geprägt. Beim SV Oberschöna 1902 e. V. in seiner sächsischen Heimat war der 48-Jährige lange Zeit als Spieler aktiv, später auch als Trainer der Männermannschaft. Seit mehr als 15 Jahren ist er dort zudem ehrenamtlich in der Abteilungsleitung Fußball engagiert, seit November 2025 auch als Vorsitzender des Gesamtvereins mit 280 Mitgliedern und acht Sparten. „Wer einen Sportverein auf diese Weise erlebt, lernt schnell, was dort wirklich zählt – und was es heißt, Verantwortung für Menschen, Strukturen und Entscheidungen zu tragen“, sagt er. Aus dieser wissenschaftlichen und persönlichen Perspektive ordnet Professor Adam ein, welche Rolle ehrenamtliches Engagement für den gesellschaftlichen Zusammenhalt spielt.

DOSB: Herr Professor Adam, in Deutschland gibt es aktuell fast 377.000 eingetragene Vereine, rund 86.000 davon sind Sportvereine. Warum sind wir eine solche Vereinsnation?

Sandy Adam: Das Vereinswesen, das im 19. Jahrhundert entstanden ist, ist historisch gewachsen. Vereine sind Institutionen der bürgerlichen Selbstorganisation, sie sind sozial tradiert und in der Gesellschaft und in den Köpfen der Menschen tief verwurzelt. Ein Verein ist in Deutschland ein zentraler Anlaufpunkt, wenn es um Engagement und zivilgesellschaftliche Organisation geht. Allerdings sehen wir im nationalen Vergleich durchaus Unterschiede im Organisationsgrad. Während in Bayern oder Baden-Württemberg rund 36 bis 38 Prozent der Menschen in Sportvereinen organisiert sind, liegt die Quote in Brandenburg, wo ich arbeite, oder in Sachsen, wo ich herkomme, bei rund 16 bis 18 Prozent. Das liegt auch daran, dass sich das Vereinswesen in Ostdeutschland nach der Wende unter veränderten institutionellen Bedingungen neu aufbauen musste. Aber generell sehen wir im organisierten Sport einen hohen und zuletzt wieder steigenden Organisationsgrad, der die Bedeutung von Sportvereinen unterstreicht.

Gibt es Vergleichbares auch in anderen Ländern?

International nimmt Deutschland im organisierten Sport durchaus eine besondere Stellung ein. Es gibt zwar auch andere Länder, die wir als Wohlfahrtsstaaten bezeichnen, in denen zivilgesellschaftliche Organisationen wie Sportvereine ebenfalls eine bedeutende Funktion haben, etwa die Niederlande, die skandinavischen Länder, Österreich oder die Schweiz. Aber die Kombination aus einem dicht ausgebauten, gemeinnützigen Vereinssystem, vergleichsweise moderaten Mitgliedsbeiträgen und einem sehr breiten Sportangebot ist in Deutschland besonders ausgeprägt.

Worin sehen Sie die wichtigsten gesellschaftlichen Funktionen, die Sportvereine erfüllen?

In erster Linie bieten Sportvereine die Möglichkeit, in der Gemeinschaft Sport zu treiben. Da geht es auch um Gesundheitsziele, aber ebenso um soziale Einbindung, Gemeinschaftserfahrungen und den Aufbau von Netzwerken. Menschen miteinander zu verbinden und Netzwerke aufzubauen, die stabilisierend wirken, ist ein Themenfeld, auf dem Sportvereine als verbindende Plattform wirken können. Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft hat eine starke identitätsstiftende Funktion. Dazu kommt, dass Sportvereine demokratische Teilhabe ermöglichen. In eingetragenen Vereinen bestehen für Mitglieder grundsätzlich Mitwirkungs- und Beteiligungsmöglichkeiten, etwa über Wahlen und Mitgliederversammlungen. Somit können Vereine eine Schule der Demokratie sein – nicht im engen politischen Sinn, sondern im Bereich der gelebten Demokratie.

Welche dieser Funktionen sind durch den Mangel an Ehrenamtlichen bedroht?

Grundsätzlich sind davon nahezu alle zentralen Funktionen betroffen, denn laut des jüngsten Sportentwicklungsberichts sieht sich mehr als jeder sechste Verein wegen unterschiedlichster Probleme, die mit dem Mangel an Ehrenamtlichen zusammenhängen, in seiner Existenz gefährdet. Die stetig steigende Zahl von Mitgliedschaften und die zugleich vielfach als unzureichend empfundene personelle Ausstattung im Ehrenamt besorgen mich unter diesen Gesichtspunkten durchaus. In Ballungsräumen gibt es vielerorts lange Wartelisten und Aufnahmestopps, auch das sorgt dafür, dass die Attraktivität von Sportvereinen leidet und manche Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche, zumindest zeitweise keinen Zugang zu Angeboten im Verein finden. Wenn ein Verein nicht ausreichend Trainerinnen und Übungsleiter hat, kann er kein ausreichendes Trainingsangebot unterbreiten und unter Umständen auch nicht am Wettkampfbetrieb teilnehmen. Auch darunter leidet die Attraktivität eines Vereins. Sporttreiben ist sehr wichtig für die Gesunderhaltung. Das könnte aber zur Not auch ohne die Mitgliedschaft in einem Verein passieren, es gibt viele private Angebote oder auch viele Möglichkeiten des Sporttreibens im öffentlichen Raum. Aber im Fitnessstudio oder beim Solo-Joggen entwickelt sich typischerweise meist weniger Gemeinschaftsgefühl, und auch die demokratischen oder identitätsstiftenden Funktionen werden dadurch tendenziell geschwächt. Insbesondere auf dem Land brechen Anker der Gemeinschaft weg, wenn Sportvereine ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen können, und das ist gesellschaftlich hochproblematisch.

DOSB gratuliert KölnRheinRuhr und Kiel zu erfolgreichen Referenden

Die wahlberechtigten Bürger*innen in NRW haben ein starkes Signal gesetzt und sich in den am Konzept KölnRheinRuhr beteiligten Kommunen mit großer Mehrheit für eine Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele ausgesprochen. Das kommunenübergreifende vorläufige Gesamtergebnis, ermittelt nach dem demokratischen Prinzip „One Person – One Vote“, das zur Bewertung in die Matrix des DOSB einfließt, liegt bei 66,0 % Zustimmung in der Region KölnRheinRuhr. Auch in Herten, gemeinsam mit Recklinghausen als Austragungsort für die Mountainbike-Wettbewerbe vorgesehen, sprach sich eine Mehrheit für die Olympiabewerbung aus. Dort wurde jedoch das nötige Quorum (15 %) knapp verfehlt.

Rund 1,4 Millionen Menschen gaben ihre Stimme ab. Insgesamt waren über 4 Millionen Bürger*innen ab 16 Jahren zur Abstimmung aufgerufen.

Ebenfalls abgestimmt wurde am möglichen Segelstandort Kiel. Die Kielerinnen und Kieler sprachen sich mit 63,5 % für olympische und paralympische Wettbewerbe in der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins aus. Die Wahlbeteiligung in Kiel lag bei 29,1 %. Neben Kiel steht mit Rostock-Warnemünde ein zweiter Standort für Segelwettbewerbe zur Auswahl. 

Bis zum 4. Juni haben die vier nationalen Bewerber Berlin, Hamburg, KölnRheinRuhr und München noch die Möglichkeit, ihr jeweiliges Konzept zu finalisieren und beim DOSB einzureichen. Am 26. September 2026 wird dann eine außerordentliche Mitgliederversammlung des DOSB darüber entscheiden, welcher Kandidat Deutschland beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vertreten wird.

So fließt das Ergebnis aus KölnRheinRuhr in die Bewertung des DOSB ein

Worum geht es?

In 17 Kommunen in Nordrhein-Westfalen haben über vier Millionen Wahlberechtigte noch bis zum 19. April die Möglichkeit, bei den laufenden Ratsbürgerentscheiden über die Bewerbung von KölnRheinRuhr um die Olympischen und Paralympischen Spiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 abzustimmen. Die beteiligten Kommunen sind Teil des Gesamtkonzepts KölnRheinRuhr und stimmen jeweils darüber ab, ob sie als möglicher Austragungsort zur Verfügung stehen.

Weltspitze im Rettungsschwimmen – nun greift Nina Holt auch im Becken richtig an

Menschen, die im Leistungssport nicht ganz so zu Hause sind, könnten denken, dass eine Sportlerin, die beim wichtigsten internationalen Großereignis ihres Sports bei fünf Starts fünfmal Gold gewonnen hat, Deutsche Meisterschaften nicht mehr allzu wichtig nimmt. Nina Holt schaut ein wenig irritiert, als sie diese Frage gestellt bekommt. „Ich liebe es, zu gewinnen, und wenn ich eine Chance dazu sehe, tue ich alles dafür, ganz egal, um was für ein Rennen es sich handelt“, sagt die 23-Jährige vor den nationalen Titelkämpfen im Schwimmen, die vom 23. bis 26. April im Berliner Europasportpark auf dem Programm stehen. Über 50, 100 und 200 Meter Freistil möchte sie als Zeitbeste der Meldelisten ihre Stellung als schnellste Schwimmerin des Landes zementieren. Vor allem aber markieren die Meisterschaften in der Hauptstadt für die Topathletin vom SC Magdeburg den Einstieg in eine Saison, in der sie möglicherweise erstmals in ihrer Leistungssportkarriere auf das verzichten wird, was sie bekannt gemacht hat.

Nina Holt, das darf man ohne Übertreibung sagen, ist im Rettungsschwimmen weltweit das Maß der Dinge. Bei den World Games, den Weltspielen der nicht-olympischen Sportarten, hatte sie im August vergangenen Jahres in Chengdu (China) die Konkurrenz bisweilen deklassiert und nach all ihren fünf Rennen ganz oben auf dem Podest gestanden, was zuvor noch nie einer World-Games-Athletin gelungen war. Parallel zu ihrem Engagement in der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), wo sie für die Ortsgruppe Harsewinkel startet, hatte die in Erkelenz geborene Sportsoldatin aber auch ihre Karriere im Beckenschwimmen forciert. 2024 hatte sie in Paris erstmals an Olympischen Spielen teilgenommen. In der Woche vor den World Games war sie bei der WM in Singapur über 100 Meter Freistil und in vier Staffeln gestartet. Anfang Dezember konnte sie bei der Kurzbahn-EM in Lublin (Polen) dann auch nach zweimal Silber in der U-23-Wertung erstmals eine internationale Medaille im Beckenschwimmen in der offenen Klasse feiern, kurioserweise über die 100 Meter Rücken, die nicht zu ihren Paradestrecken zählen.

Fünfmal Gold in Chengdu hat ihren Hunger nach Erfolg angefacht

„2025 war wirklich ein sehr spannendes und lehrreiches Jahr für mich“, sagt Nina rückblickend. Die wichtigste Erkenntnis, die sie aus den sportlichen Höhenflügen gezogen hat, ist die, sich in diesem Jahr intensiv auf das Beckenschwimmen konzentrieren und dafür möglicherweise auch auf die WM im Rettungsschwimmen im Dezember in Südafrika verzichten zu wollen. „Ich glaube, dass ich darin noch deutlich mehr Potenzial zur Weiterentwicklung habe als im Lifesaving, deshalb möchte ich probieren, alles aus mir herauszuholen und zu schauen, wozu es reicht“, sagt sie. Die fünf Goldmedaillen aus Chengdu sehe sie auf diesem Weg als Ansporn. „Es ist auf keinen Fall so, dass mir im Rettungsschwimmen die Motivation fehlt. Im Gegenteil, die World Games haben meinen Hunger nach Erfolg noch mehr angefacht, und ich habe auch noch nicht die möglichen Zeiten ausgereizt, die in den verschiedenen Disziplinen denkbar wären. Aber ich glaube, dass es mir gut tun wird, neue Ziele zu haben“, sagt sie.

Eine nicht unerhebliche Rolle spielt in ihren Plänen der Fakt, als Aktive Olympische Spiele und World Games erlebt zu haben und Vergleiche ziehen zu können. 2022 hatte sie als 19-Jährige bei ihrer World-Games-Premiere in Birmingham (USA) schon viermal Gold und einmal Bronze gewonnen, was öffentlich jedoch kaum wahrgenommen wurde. „Als ich mit den fünf Goldmedaillen aus China zurückkam, hatte ich schon einige Anfragen, der größte Teil davon waren aber lokale Termine. Mit der Medienpräsenz bei Olympia war das überhaupt nicht vergleichbar, obwohl ich in Paris keine Medaille gewonnen habe. Paris hat die World Games schon ziemlich klein erscheinen lassen“, sagt sie. Selbstverständlich sei ihr bewusst, dass der Stellenwert, den sie sich im Rettungsschwimmen erarbeitet hat, auf olympischem Level schwieriger zu erreichen sein wird. „Aber ich habe mir zum Ziel gesetzt, auch bei Olympia Medaillen zu holen. Und ich glaube, dass mir meine Entwicklung im Rettungsschwimmen genug Selbstbewusstsein gegeben hat, um mir das auch zuzutrauen!“

Ehrenamt im deutschen Sport wird ausgezeichnet

Im Rahmen des Galaabends des VDS am 20. April in Berlin würdigt der VDS das Ehrenamt im deutschen Sport mit dem „Goldenen Band“. Das „Goldene Band“ ist die älteste Sportauszeichnung Deutschlands, sie wurde vor 100 Jahren in Berlin ins Leben gerufen, jahrzehntelang wurde es für herausragende sportliche Leistungen vergeben. Seit 2014 stellen die Sportjournalistinnen und Sportjournalisten mit dem „Goldenen Band“ das soziale Engagement im Sport in den Mittelpunkt.

Fußballweltmeister Philipp Lahm überreicht das „Goldene Band“ an Vertreter des Ehrenamts, angeführt von DOSB-Präsident Thomas Weikert. An diesem Abend nimmt Weikert die Auszeichnung im Namen der nahezu 8,8 Millionen ehrenamtlich tätigen Menschen im deutschen Vereinssport entgegen.

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