Neues aus Sportdeutschland
Eine Bewegung, die verbindet
Es ist kurz nach neun Uhr, die Sonne liegt schon warm über der Domstadt, als Moderator Kai Gemeinder das Mikrofon hebt und zehn Schulklassen der Stufen drei bis sechs zum Olympic Day begrüßt. Vor ihm der Rhein, hinter ihm das Deutsche Sport & Olympia Museum (DSOM) – und für die nächsten vier Stunden gehört der Tag den Schüler*innen, die an diesem Dienstag aus Köln und der Region angereist sind, um den Geburtstag der Olympischen Bewegung zu feiern.
Der Olympic Day am 23. Juni erinnert jährlich an die Gründung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Jahre 1894 in Paris. Weltweit beteiligen sich daran mehr als 100 Nationale Olympische Komitees mit Sport-, Kultur- und Bildungsangeboten. In Deutschland richtet die Deutsche Olympische Akademie (DOA) im Auftrag des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) das zentrale Event aus – bereits seit über zehn Jahren am selben, bewährten Ort: im DSOM am Rheinauhafen.
Drei Runden, ein Programm
Nach dem Warm-up mit Breaking auf der Rheinterrasse eröffnen Gemeinder, DOA-Vorständin Katja Kliewer und Museumsdirektor Dr. Andreas Höfer den Tag offiziell. Es folgen drei Programmrunden, in denen sich die Klassen abwechselnd auf Athlet*innen-Talks, Museumsführungen und Aktionsstände verteilen – ein Format, das den Schüler*innen ermöglicht, in kleineren Gruppen mit den Sportler*innen von Team D, Team D Paralympics und Special Olympics ins Gespräch zu kommen.
„Mein Selbstbild hat nicht gestimmt, jetzt fühle ich mich wieder viel mehr“
Leichtigkeit, vor allem anderen. Das, sagt Johanna Schikora, sei das Gefühl, mit dem sie in dieser Woche bei den Weltmeisterschaften im Flossenschwimmen in Südkoreas Hauptstadt Seoul in ihr voraussichtlich letztes internationales Großevent startet. Man muss ihre Geschichte kennen, um zu verstehen, wie besonders es ist, dass sie diese Leichtigkeit empfinden kann. Denn das, was die 24-Jährige in den vergangenen zwei Jahren erlebt hat, kann Menschen bis zur Selbstaufgabe zermürben. Es kann sie aber auch resilient machen. Und so ist dieser Satz, den sie als eine Art Zusammenfassung ihres Leidenswegs ausspricht, vielleicht mehr wert als all die Medaillen, die sie über die Jahre gewonnen hat. „Ich fühle mich wieder viel mehr“, sagt Johanna Schikora im Abschiedsgespräch mit dem DOSB, und die Entschlossenheit, die aus ihrem Gesicht zu lesen ist, unterstreicht, dass sie es genauso meint.
Johanna Schikora, geboren und aufgewachsen in Berlin, wo sie auch heute noch lebt, galt vor einigen Jahren als Deutschlands beste Flossenschwimmerin. 2021 hatte sie in Tomsk (Russland) ihren ersten WM-Titel im Erwachsenenbereich erkämpft. Ein Jahr später wurde sie in Birmingham (USA) World-Games-Siegerin über 400 Meter. „Das war einer der schönsten Momente meiner Karriere. Meine Paradestrecken sind eigentlich die 800 und 1.500 Meter, aber bei den World Games sind die 400 die längste Distanz. Ich bin ohne große Erwartungen angetreten, und plötzlich hatte ich Gold um den Hals. Das hat so unfassbar viel Spaß gemacht, ich kann kaum beschreiben, welche Emotionen ein solcher Erfolg freisetzt“, sagt sie.
Ihr Hang zum Perfektionismus hat etwas Selbstzerstörerisches
Was sie damals nicht ahnte: Dass der größte Erfolg ihres sportlichen Lebens bei den Weltspielen der nicht-olympischen Sportarten viele Gewissheiten ins Rutschen bringen würde. Die Frage, was nach einem solchen Triumph noch kommen könnte, wenn man ihn als 20-Jährige erlebt, drängte schnell in ihr Bewusstsein. Und da Johanna ein Mensch ist, in dessen Kopf niemals Ruhe herrscht, wurde sie von einer Welle überrollt, der sie auch mit der Monoflosse an den Füßen nicht gewachsen war. „Ich hatte immer das Gefühl, ich muss weitermachen, muss den Erfolg bestätigen. Das war mein innerer Antrieb, und obwohl ich fühlte, dass ich gar nicht mehr ins Wasser wollte, und alle verstanden hätten, wenn ich mir eine Pause gegönnt hätte, war das für mich niemals eine Option“, sagt sie rückblickend.
In einem eindrucksvollen Portrait, das vor einigen Wochen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erschien, schildert Johanna der mit ihr gut bekannten Redakteurin in schonungsloser Offenheit, dass ihr Hang zu Perfektionismus etwas Selbstzerstörerisches in sich birgt. Nicht nur im Sport wollte sie stets die Beste sein. Sie schloss das Abitur mit der Traumnote 1,0 ab, beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ war sie Bundespreisträgerin im Klavierspielen. „Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ich Anerkennung dafür bekomme, wenn ich Außergewöhnliches leiste. Also habe ich daraus geschlossen, dass ich nichts wert bin, wenn ich nichts leiste. Das habe ich so sehr verinnerlicht, dass eine Pause vom Leistungssport in meiner Gedankenwelt gar nicht vorkam“, sagt sie im DOSB-Interview.
Mit 16 Jahren zeigte sich erstmals eine Essstörung bei Johanna
Bereits mit 16 Jahren hatte sich eine Essstörung manifestiert, weil Johanna Ungesundes vom Speiseplan strich. Während der Corona-Zeit sorgte die Einsamkeit für eine Verschlechterung, sie begann, sich nach dem Essen zu erbrechen. Mittels eines Ernährungsplans konnte sie ihren Zustand stabilisieren und in den Folgejahren die größten sportlichen Erfolge einfahren. Doch nach der emotionalen Berg- und Talfahrt im Jahr 2022 nahmen die Probleme wieder zu, weil sie unterbewusst spürte, dass weniger Essen zu weniger Leistung und damit auch zu weniger Leistungsdruck führen könnte. Die Quittung für diesen Raubbau reichte ihr Körper bei der WM 2024 in Serbiens Hauptstadt Belgrad ein. Sie wurde Weltmeisterin über 1500 Meter, konnte aber zum Finale über 400 Meter nicht mehr antreten, weil ihre eine Bandscheibenvorwölbung unerträgliche Schmerzen bereitete.
In die Erleichterung, eine plausible Ausrede dafür zu haben, nicht mehr schwimmen zu müssen, mischte sich schnell das Gefühl der Unvollkommenheit und die Angst davor, was sie ohne ihren Sport überhaupt noch darstellen würde. Im März 2025 brach Johanna endgültig zusammen – und entschied, sich in eine Fachklinik für Essstörungen zu begeben. Die Wartezeit auf einen Therapieplatz überbrückte sie bei ihren Eltern, die sich die gesamte Karriere über intensiv um ihre Tochter gekümmert hatten. Drei Monate blieb sie im Krankenhaus, wo sie lernte, Essen nicht als Feind zu betrachten. Nur einen Monat nach der Entlassung trat sie, völlig außer Form, bei den World Games in Chengdu (China) an. Im Einzelrennen über 400 Meter wurde sie mit fast 20 Sekunden Rückstand auf Gold Letzte, in der Staffel reichte es ebenfalls nicht zu mehr.
Ein saarländisches Sommermärchen, das alle stolz zurückblicken lässt
4.300 Athlet*innen, zwölf internationale Delegationen, 27 Sportarten, 2750 Untersuchungen beim begleitenden Gesundheitsprogramm „Healthy Athletes“, 3100 Volunteers, 110.000 Besucher*innen in den 23 Sport- und Veranstaltungsstätten. Es sind Zahlen, die beeindrucken, angesichts der erlebten Emotionen aber noch nicht die ganze Geschichte erzählen.
Die Special Olympics Nationale Spiele sind nicht nur die größte Multisportveranstaltung Deutschlands für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung, sie waren auch das größte Sportereignis der saarländischen Historie. „Wir wollten daraus gemeinsam unser saarländisches Sommermärchen machen – und das haben wir geschafft“, wendete sich Reinhold Jost, saarländischer Minister für Inneres, Bauen und Sport, auf der Abschlussfeier am Tblisser Platz an die vielen Besucher, winkte in die bunte Menge und richtete vor dem Staatstheater seinen „Dank an alle, die ihren lohnenden Beitrag zum Erfolg der Spiele geleistet haben.“ Nicht nur die Wettkämpfe an 23 Sportstätten zählten dazu, sondern ein üppiges Rahmenprogramm, das mit Familienempfang, dem Wettbewerbsfreien Angebot am SPORTCAMPUS SAAR, dem Special Olympics Festival, dem Healthy Athletes Programm und weiteren Projekten und Veranstaltungen überall in der Gastgeberregion begeisterte.
Mit noch mehr Verantwortung in eine ganz besondere Woche
Der ganz große Druck ist weg, und das ist auch gut so, denn dadurch hat Linnea Weidemann die Möglichkeit, ihr ganz besonderes Heimspiel noch ein wenig mehr zu genießen. Nach einem erfolgreichen Ausflug nach London mit Siegen über Gastgeber England (2:1, 3:0) und Australien (5:1) haben sich die deutschen Hockeydamen in der vergangenen Woche im Nationenwettbewerb Hockey Pro League (HPL) vom letzten Tabellenrang ins Mittelfeld vorgearbeitet. Wenn in dieser Woche auf dem Ernst-Reuter-Sportfeld in Berlin die abschließenden vier Partien anstehen (Spielplan und Modus siehe Infobox), können die „Danas“ den Klassenerhalt in der HPL perfekt machen. Nur der Letzte der Neunergruppe, aktuell England mit drei Punkten Rückstand auf die Deutschen, darf in der kommenden Saison nicht mehr im Kreis der Topnationen mitspielen.
„Die Pro League ist für unsere Entwicklung wichtig, weil sie regelmäßige Spiele gegen die besten Mannschaften der Welt garantiert, an die man sonst wegen des engen internationalen Terminkalenders kaum noch herankommt“, sagt Linnea Weidemann, für die die vier Auftritte in Berlin mehr bedeuten als für alle anderen Akteurinnen im Kader von Bundestrainerin Janneke Schopmann. Die 22 Jahre alte Innenverteidigerin vom Berliner HC, die das Team gemeinsam mit Lisa Nolte (25) vom Düsseldorfer HC als Kapitänin anführt, ist die einzige deutsche Spielerin, die für einen Verein aus der Hauptstadt aktiv ist. Lena Micheel (28), in Berlin geboren und bei Zehlendorf 88 und TuS Lichterfelde ausgebildet, spielt seit vielen Jahren in Hamburg, aktuell für den Großflottbeker THGC.
„Ich habe auf diesem Platz schon gespielt, als es noch Naturrasen war“, erinnert sich Linnea an ihre Anfänge zurück, „deshalb bedeutet es mir sehr viel, diese Chance zu bekommen. Auch wenn wir schon zweimal Pro-League-Spiele in meiner Heimat hatten, ist die Vorfreude auch diesmal riesig. Es ist einfach cool, dass meine Familie und mein Freundeskreis alle dabei sein können.“ Gleichzeitig sei es Ehre und Verpflichtung gleichermaßen, von den Nachwuchsspieler*innen des BHC als Vorbild angesehen zu werden. „Ich glaube schon, dass es für die Kinder eine große Motivation ist zu sehen, wie weit man es auf internationaler Bühne bringen kann. Ich freue mich sehr, dass ich das weitergeben und vielleicht für einige als Idol zur Verfügung stehen kann“, sagt sie.
Als 18-Jährige debütierte sie 2022 bei der WM im A-Kader
Im Fokus zu stehen, das ist mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr für Linnea. Als 18-Jährige debütierte sie bei der Weltmeisterschaft 2022 in den Niederlanden und Spanien, die Deutschland auf Rang vier abschloss, im A-Nationalteam. Nach dem Viertelfinal-Aus bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris gab es einen großen Umbruch im Kader, der die Abwehrstrategin, die in Berlin an einer Partnerhochschule des Olympiastützpunktes Volkswirtschaftslehre studiert, in den Kreis der Arrivierten spülte. „Wir sind deutlich jünger geworden. Die größte Veränderung für mich ist, dass ich nicht mehr das junge Küken bin, das ein bisschen mitspielt. Ich habe mehr Verantwortung, die ich gern trage und auf dem Platz für unser Spiel umsetze“, sagt sie. Wobei der klare Blick, mit dem sie in der Spieleröffnung zu brillieren weiß, auch für ihre Selbsteinschätzung hilfreich ist. „Mir ist bewusst, dass ich das Meiste noch längst nicht perfekt mache und in vielen Situationen lernen kann. Ich mache aber viele Dinge mittlerweile bewusster und nicht mehr aus dem Bauch heraus, ob es Ansagen sind oder das Treffen von Entscheidungen, wie wir spielen wollen. Ich bin lauter und präsenter, ohne dabei mein eigenes Spiel zu vergessen“, sagt sie.
Unter der Niederländerin Schopmann, die im November 2024 das Amt von Valentin Altenburg übernommen hatte, hat sich der Spielstil der „Danas“ durchaus verändert, findet Linnea Weidemann. „Es ist nicht mehr nur klassisches deutsches Hockey mit viel Ballbesitz und klarer Struktur, wir spielen schneller und mit mehr Variabilität“, sagt sie. Der größte Unterschied zwischen Altenburg, der seinen Spielerinnen sehr viele Freiräume zur eigenen Entfaltung ließ, und dessen Nachfolgerin sei, dass es deutlich mehr Vorgaben gebe. „Janneke gibt uns klare Anweisungen, sie hat ihre Vorstellung, wie wir spielen sollen, und zieht das durch.“ Das Feedback der Trainerin sei „sehr klar, manchmal schroff, aber immer ehrlich. Man braucht schon ein gewisses Selbstbewusstsein, um damit klarzukommen. Aber ich will das nicht als Wertung verstanden wissen, wir sind mit ihr in einem guten Austausch.“
Jörg Adami übernimmt Geschäftsführung der DOSB E-Sport gGmbH
Mit der Gründung der DOSB E-Sport gGmbH zum 1. Juni 2026 hat der DOSB eine eigenständige Plattform geschaffen, um sein Engagement an der Schnittstelle von Sport, Gaming und digitaler Kultur partnerschaftlich, werteorientiert und zukunftsgerichtet weiterzuentwickeln. Mit der Besetzung der Geschäftsführung wird nun der nächste Schritt in der operativen Umsetzung vollzogen.
Jörg Adami verfügt über langjährige Erfahrung in den Bereichen Leistungssportförderung, Nachwuchsentwicklung und E-Sport. Der 56-Jährige war unter anderem mehr als zehn Jahre Mitglied des Vorstands der Stiftung Deutsche Sporthilfe sowie Mitgründer und Geschäftsführer der „esports player foundation“. Zuletzt begleitete er die Konzeption und Gründung der DOSB E-Sport gGmbH.
„In Jörg Adami gewinnen wir eine Persönlichkeit, die sowohl die Strukturen des organisierten Sports als auch die Dynamiken der digitalen Generation und des E-Sports kennt. Sein Netzwerk, seine Erfahrung in der Talentförderung und seine Fähigkeit, unterschiedliche Akteure zusammenzubringen, werden entscheidend sein, um die Ziele der DOSB E-Sport gGmbH erfolgreich umzusetzen“, sagt Leon Ries, Vorstand Jugend im DOSB.


