Neues aus Sportdeutschland

„Wie abfällig in Teilen über uns geurteilt wird, erschüttert mich immer wieder“

Seit sie im vergangenen November zur Vorsitzenden der Athlet*innenkommission (AK) im DOSB und zur Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland (AD) gewählt wurde, kümmert sich Pia Greiten nicht mehr nur aus reinem Interesse um sportpolitische Themen, sondern qua ihrer Ämter. Die 29-Jährige, die 2024 in Paris die olympische Bronzemedaille mit dem Doppelvierer erruderte, studiert zudem „im Hauptberuf“ Bauingenieurwesen. Und dann ist da für die Athletin vom Osnabrücker Ruder-Verein auch noch eine nicht ganz unwesentliche Karriere im Leistungssport zu bewältigen. Darüber, wie sie diese Dreifach-Herausforderung managt, was sie über den Entwurf eines Sportfördergesetzes denkt und warum sie sich eine veränderte Diskussion über Leistung im Sport wünscht, spricht Pia im DOSB-Interview.

DOSB: Pia, am Wochenende stehen in München die Deutschen Kleinboot-Meisterschaften auf dem Programm. Das klingt fast niedlich, dabei ist es eins der wichtigsten Events der Rudersaison. Erläutere bitte einmal, welche Bedeutung die DM für euch als Kaderathlet*innen hat.

Pia Greiten: Alle Kaderathlet*innen im Skullbereich starten im Einer, die im Riemenbereich im Zweier ohne Steuerfrau oder Steuermann. Ich kann nur für mich sprechen, weiß aber, dass es auch für alle anderen sehr prestigeträchtig ist, in der kleinsten Bootsklasse den nationalen Meistertitel zu gewinnen. Für die Qualifikation mit Blick auf die Besetzung der Boote für die internationalen Wettkämpfe sind die Kleinboot-Meisterschaften der wichtigste Wettbewerb.

Warum wird nur in Kleinbooten gefahren und nicht in den Bootsklassen, für die ihr euch qualifizieren wollt?

Weil es darum geht, die Individualleistung zu überprüfen. Der zweite wichtige Faktor neben der Kleinboot-Meisterschaft ist der 2000-Meter-Ergotest, den wir vor zwei Wochen im Rahmen der Langstreckenrennen in Leipzig absolviert haben. Beide gehen in die Leistungsbewertung ein, die darüber entscheidet, wie die verschiedenen Bootsklassen besetzt werden. Die Setzliste für die Meisterschaft wird anhand der Vorleistung bei der Langstrecke erstellt, damit sich die Favoritinnen auf die Besetzung der A-Nationalmannschaft nicht schon im Viertelfinale eliminieren.

Wie lief deine persönliche Vorbereitung, wie würdest du deine Formkurve der vergangenen Monate beschreiben?

Grundsätzlich bin ich mit dem Verlauf meiner Formkurve durchaus zufrieden, auch wenn ich noch nicht da bin, wo ich gern gewesen wäre. Aber ich hatte über den Jahreswechsel über Wochen mit den Folgen einer Influenza zu kämpfen. Umso glücklicher bin ich, dass ich physiologisch gut dastehe. Ich konnte meine persönliche Bestleistung auf dem Ergometer auf 6:35,4 Minuten verbessern und habe das Gefühl, dass mein Körper die Belastungen sehr gut wegsteckt.

Mit welcher Zielstellung gehst du in das kommende Wochenende?

Das ist etwas schwierig zu sagen, weil ich sowohl meine eigene als auch die Leistungsfähigkeit meiner Konkurrentinnen nicht zu 100 Prozent einzuschätzen vermag. Grundsätzlich fahre ich aber zu einer Deutschen Meisterschaft immer mit dem Ziel, dort um die Medaillen zu kämpfen.

Gesetzt den Fall, dass du in München das erhoffte Ziel erreichst und dich für den A-Kader qualifizierst: Wie sieht deine weitere Saisonplanung aus?

Mein Ziel ist, bei den internationalen Saisonhöhepunkten, also der EM Anfang August in Italien und der WM Ende August in Amsterdam, im priorisierten Boot zu sitzen. Noch ist nicht klar kommuniziert, ob das der Doppelzweier oder der Doppelvierer sein wird. Aber wir haben ein starkes Team und mir ist bewusst, dass ich dafür meine Topleistung erreichen muss.

Nach Jahren, in denen es im deutschen Frauenrudern vor allem im Riemenbereich sehr schwierig war, scheint im DRV eine Art Aufbruchstimmung zu herrschen. Wie nimmst du das wahr?

Genauso. Wir haben wieder ein großes Team mit viel Konkurrenz, was sehr schön und wichtig ist, um bei den Großevents in allen Bootsklassen international konkurrenzfähig zu sein. Im Team herrscht eine sehr positive Energie, alle haben Bock, wieder etwas zu erreichen und geben alles dafür, 2028 in Los Angeles mit mehr Booten als in Paris an den Start zu gehen. Wir trainieren mit Skull -und Riemenbereich gemeinsam in Berlin, und der Wandel im Team ist sehr deutlich zu spüren.

Die Regattastrecke in München, auf der die DM stattfindet, ist geschichtsträchtig, 1972 wurde dort um Olympiamedaillen gekämpft, 50 Jahre später fanden dort die European Championships statt. Welche Bedeutung hat sie für euch im DRV?

Die Spiele von 1972 sind bei mir und dem Team natürlich nicht so präsent. Aber die Strecke wird auch im Junior*innenbereich intensiv genutzt, so dass die meisten von uns sehr viel Erfahrung mit ihr haben. Persönlich mag ich Anlagen, die als Regattastrecke konzipiert und gebaut wurden, besonders gern. Sie sind komprimierter, das Publikum ist nah dran. Deshalb fahre ich sehr gern nach Oberschleißheim, auch wenn meine Erfahrungen aus sportlicher Sicht durchaus gemischt sind.

Neben deiner sportlichen Karriere bist du seit November 2025 an herausgehobenen Stellen auch sportpolitisch sehr aktiv. Wie würdest du deine ersten Erfahrungen als Vorsitzende der DOSB-Athlet*innenkommission und Präsidentin von Athleten Deutschland zusammenfassen?

Die ersten Monate waren definitiv sehr aufregend. Für mich ging es zunächst darum, mir einen Überblick über die verschiedenen Themenbereiche zu verschaffen. Zum Glück haben wir in beiden Organisationen ein sehr starkes Team, das sehr viel Energie und Professionalität in die Aufgaben steckt.

Wie funktioniert die Arbeitsteilung konkret? Bist du diejenige, die den großen Rahmen vorgibt und den Überblick über alle Themen behält?

Ich denke schon, dass ich einen guten Überblick über all unsere Aufgaben habe. Im Präsidiums- und Kommissionsteam sind wir aber alle gleichgestellt, ich gebe nichts vor. Ich bin auch nicht in Gremien vertreten, die die Themen schwerpunktmäßig bearbeiten und daher auch nicht diejenige, die sich zu allem äußern muss. Dafür haben wir Expert*innen in den verschiedenen Themenbereichen. Wenn es um aktuelle Themen geht, schauen wir zudem, wer gerade Kapazitäten hat. Da wir alle ehrenamtlich arbeiten, müssen wir darauf achten, dass in entscheidenden Phasen niemand überlastet wird.

Zu Beginn deiner Amtszeit konntest du die zeitliche Beanspruchung durch die beiden Ämter noch nicht einschätzen. Wie hoch ist sie denn nun?

Ich führe darüber kein Protokoll, und es ist auch von Woche zu Woche unterschiedlich. Es kommen schon so einige Stunden zusammen, insbesondere Kurzfristigkeit von Themen ist eine Herausforderung. Aber mit einem guten Zeitmanagement, und das sollten Leistungssportler*innen haben, ist das alles auch mit dem Studium gut unter einen Hut zu bekommen.

Als Vorsitzende der AK und Präsidentin von AD, deren Führungsstruktur personengleich ist, trägst du zwei Hüte. Wie bewertest du mit ein paar Monaten Erfahrung die Herausforderung der Doppelfunktion? Wie schwierig ist es, die Trennschärfe zu bewahren?

Personengleich sind beide Gremien nicht, in der AK sitzen neben dem AD-Präsidium Kim Bui, Ronald Rauhe und Jello Krahmer. Alica Gebhardt, die bei AD im Präsidium sitzt, ist nicht Teil der AK. Die Doppelfunktion empfinde ich nicht als schwierig, weil ich nicht glaube, dass es eine klare Trennung braucht. Im Vordergrund beider Aufgaben steht, dass wir die Athlet*innen vertreten. Natürlich gibt es Themen, die wir eher mit der AK bespielen, wenn sie DOSB-intern oder dem DOSB besonders wichtig sind. Andere Themen sind für AD wichtiger und erhalten darüber mehr Konzentration von dieser Seite. Es ist wichtig zu wissen, dass wir unsere Arbeit in der AK ohne die Unterstützung von AD nicht machen könnten. In der AK haben wir eine gering beschäftigte Kraft, die uns unterstützt. Für AD sind Hauptamtliche täglich mit den Belangen von Athlet*innen befasst. Wir können unsere Kapazitäten für die AK viel mehr nutzen, weil uns viele Dinge abgenommen werden und wir auf eine Basis zurückgreifen können, die wir ehrenamtlich nicht bearbeiten könnten.

Es fällt auf, dass sich AD zu manchen Themen wie zum Beispiel dem Ausschluss von Fridtjof Petzold aus der DESG sehr deutlich positioniert, zu anderen wie dem Konflikt im DAV, der ja ebenfalls stark die Athlet*innen betrifft, wiederum nicht. Worin liegt das begründet?

Wir wägen sehr sorgfältig ab, zu welchen Themen wir uns öffentlich äußern, und prüfen, ob wir dazu belastbare Aussagen treffen können. Dasselbe macht der DOSB auch. Es gibt sicherlich bestimmte Gründe, warum zu den genannten Beispielen nicht proaktiv Stellung bezogen wurde.

Wenn du als Präsidentin von AD sprichst, scheinst du medial deutlich intensiver wahrgenommen zu werden als in der DOSB-Funktion. Warum ist das so, und wie ließe sich das ändern?

Zum einen liegt es daran, dass Athleten Deutschland als unabhängige Vertretung wahrgenommen wird, die nicht mit dem DOSB verbunden ist. Das wirkt auf viele Medien objektiver, als wenn sich die verbandsinterne Kommission äußert. Zum anderen hat sich der Verein seit der Gründung 2017 einen politischen Stellenwert erarbeitet, dank dem sich besser Themen platzieren lassen, die öffentliche Relevanz haben. Diese Kraft ist nicht zu unterschätzen.

Aber als Vorsitzende der DOSB-AK sprichst du für alle Athlet*innen, bei AD nur für dessen Mitglieder. Steckt dahinter nicht eine viel größere Kraft?

Ich sehe diese Trennung nicht als entscheidend an. Athleten Deutschland spricht Themen an, die alle Athlet*innen betreffen und die für deren Fortkommen und Weiterentwicklung nützlich sein können. Insofern halte ich es nicht für notwendig, daran etwas zu ändern. Wichtig ist, dass die Themen in der Öffentlichkeit Gehör finden. Zudem ist AD über das Hauptamt viel besser in der Lage, Meinungsbilder einzuholen und intensiver mit Athlet*innen ins Gespräch zu gehen, als wir es im Ehrenamt jemals könnten. In den vergangenen Jahren wurden mehrere Hundert Anliegen von Athlet*innen bearbeitet und somit Expertise aufgebaut, von der auch der DOSB profitieren kann.

Hast du denn das Gefühl, dass die Sicht der Athlet*innen im DOSB nicht ausreichend wahr- und vor allem auch ernst genommen wird?

Ohne ins Detail gehen zu wollen, möchte ich es so formulieren: Der Status Quo ist zumindest nicht zufriedenstellend. Wir arbeiten als Athlet*innenkommission intensiv daran, dass das besser wird. Und aus dem DOSB, insbesondere aus dem Vorstand, bekommen wir auch entsprechende Zeichen, dass das ernst genommen wird. Allerdings muss die Zukunft zeigen, wie ernst die Einbindung seiner Spitzenathlet*innen dem DOSB wirklich ist.

„Die wichtigsten Rennen werden im Endspurt entschieden“

DOSB: Am 19. April stehen die entscheidenden Referenden in der Region KölnRheinRuhr und in Kiel an. Welche Rolle spielen die Erfahrungen aus dem erfolgreichen Referendum in München für die aktuellen Bürgerentscheide?

Thomas Weikert: Die erfolgreiche Abstimmung in München hat dem gesamten Prozess natürlich Rückenwind gegeben. Es hat sich gezeigt, dass Referenden zur Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele durchaus gewonnen werden können. München war das erste erfolgreiche Referendum zu Sommerspielen weltweit. Wichtig war und ist es in unserem Prozess, dass Sport, Politik und Wirtschaft mit einer Stimme sprechen und den Fokus auf die allein schon durch die Bewerbung entstehenden Chancen für viele gesellschaftliche Bereiche zu legen. In einer offenen, positiven und emotionalen Art und Weise. Das hat viele Menschen überzeugt. Ich hoffe, das ist auch bei den Abstimmungen sowohl in Kiel als auch in KölnRheinRuhr wieder der Fall. Die wichtigsten Rennen werden bekanntlich im Endspurt entschieden. Ich wünsche mir daher, dass die Bürgerinnen und Bürger in NRW sowie Kiel von ihrem demokratischen Wahlrecht Gebrauch machen und die letzten Tage bis zum Sonntag noch zahlreich zur Stimmabgabe nutzen. Wobei ich darum bitte zu bedenken, dass es in NRW nicht die Möglichkeit gibt, am Sonntag Wahllokale zu nutzen. Die Unterlagen müssen per Brief am besten bis spätestens Mittwoch abgesendet oder bis zum Sonntag im jeweiligen Rathaus abgegeben werden. 

Wie wichtig ist der Ausgang der kommenden Referenden für den weiteren Prozess?

Mit München hat bereits ein nationaler Bewerber das Ziel erreicht. Insofern geht es am kommenden Sonntag nicht mehr um die Frage, ob es eine deutsche Bewerbung geben wird, sondern darum, ob es Olympische und Paralympische Spiele in KölnRheinRuhr beziehungsweise Segeln in Kiel geben kann. Wir hoffen, dass sich die Sportbegeisterung, die wir an Rhein und Ruhr und an der Ostsee seit Wochen erleben, auch in der Wahlbeteiligung widerspiegelt. Das würde erneut unter Beweis stellen, wie sehr die Idee von Olympischen und Paralympischen Spielen die Menschen in Deutschland bewegt.

Roua Al Barkomi: Ein Musterbeispiel für Integration durch Sport

Eine gute halbe Stunde hat sie, unterbrochen lediglich von einigen Fragen, ihr bisheriges Leben ausgebreitet, als Roua Al Barkomi die Sätze sagt, die am meisten nachhallen werden. „Deutschland ist für mich ganz klar Heimat, ich fühle mich hier zu Hause. Ich habe mir hier alles von Null erarbeitet und möchte hierbleiben. Syrien ist nicht mehr der Platz für mich“, sagt die 42-Jährige. Sie sagt es mit einer Gewissheit, die keinen Raum für Zweifel lässt, und Myla Blumenkamp, die den Ausführungen ihrer Kollegin ebenso ergriffen gelauscht hat wie der Fragensteller vom DOSB, kann nicht anders, als ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen. „Ich habe am ganzen Körper Gänsehaut. Dafür, dass Menschen wie Roua so etwas sagen können, machen wir unseren Job. Es ist so schön zu hören, dass es für sie so gut funktioniert hat“, sagt Myla, die im Landessportbund Rheinland-Pfalz als Referentin für das Programm „Integration durch Sport“ (IdS) angestellt ist.

Welch herausragende Rolle Sporttreiben im Verein für die Integration von Menschen spielen kann, die aus aller Welt nach Deutschland kommen, ist ein viel zitierter Fakt, wenn es darum geht, die Bedeutung des Sports für die Gesellschaft zu unterstreichen. Begreifbar wird diese Botschaft immer dann, wenn konkrete Beispiele Geschichten von Menschen erzählen, die diese Integrationskraft erlebt haben. Wobei das im Fall von Roua Al Barkomi zu kurz greift, denn sie hat diese Kraft nicht nur erlebt. Die ehemalige Leistungsturnerin, die syrische Meisterin am Schwebebalken war, ist selbst zur integrativen Kraft geworden; zu einer anerkannten Übungsleiterin, die in mehreren Vereinen und unterschiedlichsten Projekten insbesondere Frauen, die ähnliche Lebensumstände erlebt haben wie sie, ein Vorbild ist.

Die Familie kam 2016 aus Abu Dhabi nach Deutschland

2016 war die in der drittgrößten syrischen Stadt Homs geborene und aufgewachsene Spitzenathletin in Begleitung ihres Ehemanns und ihrer heute 19 und 21 Jahre alten Söhne ins Rheinland gekommen. Allerdings nicht aus ihrem vom Bürgerkrieg zerrütteten Geburtsland, sondern aus Abu Dhabi, wo die Familie 13 Jahre lang gelebt hatte. „Dort habe ich als Sportlehrerin an einer Schule gearbeitet, aber wir haben in Deutschland eine bessere Perspektive gesehen und sind deshalb hier hergekommen“, sagt die studierte Wirtschaftsmanagerin. Sie kamen in ein Land, dessen Kultur und Sprache ihnen vollkommen fremd war. 2017 brachte Roua ihre Tochter zur Welt – drei Jahre später brach das Leben, das sie bis dahin gelebt hatte, zusammen. Ihr Mann ließ sie mit drei Kindern sitzen. „Ich konnte die Sprache nicht, hatte keinen Job und stand plötzlich wieder komplett am Anfang“, erinnert sie sich.

Doch anstatt sich dem Selbstmitleid zu ergeben, ergriff Roua die Initiative. „Ich wollte nicht herumsitzen und trauern, ich wollte etwas schaffen, um meinen Kindern und mir eine gute Perspektive geben zu können“, sagt sie. Und sie wollte keinesfalls von Sozialleistungen abhängig bleiben. Die Putzjobs, die man ihr anfangs im Jobcenter anbot, nahm sie zwar an. „Aber mir war klar, dass das nicht mein Ziel sein konnte! Am liebsten wollte ich im Sport arbeiten, denn Sport ist für mein Leben so wichtig wie Wasser“, sagt sie. Und weil sie dieses Ziel beharrlich verfolgte, kam sie über ein Weiterbildungsprojekt des Jobcenters in Kontakt mit Milan Kocian. Der Referent des IdS-Programms in Rheinland-Pfalz vermittelte sie an die CTG Koblenz, wo sie als Trainerin für eine Leistungsgruppe im Turnen einsteigen konnte. Es war der Startpunkt einer Entwicklung, die mustergültig für das steht, was Integration durch Sport erreichen möchte – und kann.

„Für mich war immer klar: Wenn das Spiel beginnt, sind alle gleich“

Seine Abschiedstour ist längst angepfiffen. Anfang März gab Patrick Ittrich bekannt, seine Karriere als Schiedsrichter im Profifußball zum Ende der laufenden Saison aufgeben zu wollen. „Ich war oft verletzt und habe mich immer wieder herangekämpft. Nun bin ich seit Monaten fit, erfahre eine tolle Resonanz auf meine Spielleitungen – das ist vielleicht der beste Zeitpunkt, um aufzuhören“, sagt der 47-Jährige, der am vergangenen Sonntag das Drittliga-Spitzenspiel zwischen dem VfL Osnabrück und Energie Cottbus leitete. Der meinungsstarke und allseits für seine menschliche Art der Spielleitung geschätzte Hamburger wird dem Fußball fehlen; seinen Blick auf wichtige Themen des Sports und der Gesellschaft wird man aber nicht missen müssen. Einen Monat vor dem Trikottag im DOSB, mit dem wir am 13. Mai zum vierten Mal auf die Kraft des Ehrenamts in Sportvereinen aufmerksam machen, spricht der Polizeioberkommissar über seine Erfahrungen mit dem Schiedsrichterwesen und darüber, was ihn sein Hobby für das Leben gelehrt hat.

DOSB: Patrick, welches Trikot wirst du am 13. Mai tragen?

Patrick Ittrich: Ich habe mich noch nicht entschieden. Als Schiedsrichter muss ich ja stets darauf achten, dass mir niemand die Neutralität abspricht und man mir eine Parteinahme übelnehmen könnte. Aber vielleicht trage ich tatsächlich ein Trikot meines Hamburger Heimatvereins Mümmelmannsberger SV, wenn ich eins finde, das mir noch passt. Meine Jugendtrikots sind leider ein bisschen zu klein geworden.

Als Schiedsrichter tragt ihr ja auch ein Trikot, seid wahrscheinlich sogar das größte Team Deutschlands. Gibt es ein Teamgefühl unter den Schiedsrichtern?

Das gibt es auf jeden Fall. Im Kleinen besteht dieses Team aus dem Schiedsrichter und seinen Assistenten. Natürlich ist es so, dass, je höher man aufsteigt, die anderen Schiedsrichterteams zu Konkurrenten darum werden, wer das attraktivste Spiel des Wochenendes leiten darf. Man kann uns deshalb in der Gesamtheit nicht unbedingt als eine große Mannschaft begreifen. Aber es ist doch so: Wenn ein Schiedsrichter eine falsche Entscheidung trifft, wird es oft auf die Gesamtheit der Schiedsrichter umgebrochen. Deshalb habe ich stets versucht, auf eine gute Kameradschaft untereinander zu achten und die Konkurrenz nicht ausufern zu lassen. Wir Schiedsrichter sitzen alle in einem Boot.

Gilt das nur für den Fußball oder sportartenübergreifend? Gibt es einen Austausch zwischen Schiedsrichtern, aus dem ihr gegenseitig lernen könnt?

Ich habe vor einigen Jahren privat ein solches Netzwerk initiiert, mit eigenem Podcast und anderen Formaten, weil ich großes Potenzial darin sehe, sich sportartenübergreifend auszutauschen. Ich habe von diesem Netzwerk sehr profitiert, denn man kann sehr viel aus den Erfahrungen in anderen Sportarten lernen. Schauen wir nur auf das Thema Videoassistent. Da sind einige andere Sportarten, wie zum Beispiel Hockey, Eishockey oder American Football, viele Jahre weiter. Sie haben allerdings auch unterschiedliche Regelwerke, so dass man die Sportarten nicht eins zu eins miteinander vergleichen kann. Dennoch gibt es einige Aspekte, die auch auf den Fußball übertragbar sind. Ich glaube, wir müssten diesen Austausch noch viel intensiver suchen, da liegen eine Menge Chancen auf der Straße, die wir nur aufzusammeln bräuchten.

Der Trikottag macht auf die Bedeutung des Ehrenamts im Sportverein aufmerksam. Schiedsrichterei wird ja gemeinhin schon von Beginn an vergütet. Warum fühlt es sich auf unteren Ebenen dennoch wie ein Ehrenamt an?

Weil es keine Vergütung, sondern maximal eine Aufwandsentschädigung ist, die man im Amateurbereich erhält, und der ist ja mit Abstand der größte Teil, in dem Schiedsrichter ihr Amt ausüben. Man muss beachten, dass eine Spielleitung immer mit Arbeit und auch finanziellem Aufwand verbunden ist. Es braucht eine Vorbereitung, man muss sich die Ausrüstung selber anschaffen, muss sich fortbilden. Auf jeden Fall sollte allen, die mit der Schiedsrichterei beginnen, klar sein: Es ist ein Ehrenamt, ein Hobby, die allerwenigsten werden es zu ihrem Beruf machen. Und deshalb muss es auch Spaß machen!

Schiedsrichter müssen unparteiisch sein, haben aber natürlich alle einen Heimatverein, möglicherweise auch einen Lieblingsverein. Wie hast du es geschafft, diese Diskrepanz zu überbrücken und die Unparteilichkeit zu deinem Leitmotiv werden zu lassen?

Ich bin überzeugt davon, dass man ein spezieller Typ sein muss, um Schiedsrichter zu werden. Komplette, 100-prozentige Unparteilichkeit ist wirklich unheimlich schwierig zu erlangen. Aber sie ist unser höchstes Gut, ich identifiziere mich damit vollkommen. Je professioneller du pfeifst, desto mehr legst du Parteilichkeit ab. Ich behaupte, dass für mich immer schon klar war: Wenn das Spiel beginnt, sind alle gleich. Ich beurteile ausschließlich auf Basis des Regelwerks und nach bestem Wissen und Gewissen. Parteiisch zu sein, das passte noch nie zu meinem Koordinatensystem, mir war auch bewusst, dass es mir schaden würde. Aber es ist auch ein Lernprozess.

Was hat dich persönlich dazu bewogen, Schiedsrichter zu werden?

Ehrlich gesagt wurde ich damals dazu ermutigt. In unserem Verein gab es, wie in vielen anderen Vereinen auch, zu wenige Schiedsrichter. Unser Obmann hat dann zwei Kumpels und mich angesprochen, ob wir den Lehrgang machen wollen würden. Die beiden anderen haben zugesagt, ich hatte keine Lust. Ein Jahr später, da war ich 15, haben sie mich überredet. Es würde total viel Spaß machen und mir bestimmt gut liegen, haben sie gesagt. Na gut, habe ich gedacht, dann gehe ich halt mal hin. Und was soll ich sagen: Schon in meinem ersten Spiel habe ich gespürt, dass das was für mich sein könnte. Wie der Zufall es wollte, wurde ich sehr schnell von einem Schiedsrichterbeobachter als Talent entdeckt und gefördert. Und dann kam eins zum anderen.

Wenn du dich an deine Anfangszeit erinnerst: Wie schwierig war es damals, Menschen für das Amt zu gewinnen?

Ich kann das nicht mit empirischen Daten belegen. Es gab die Typen wie mich, die ermutigt werden mussten. Aber es gab auch viele, die das gern machen wollten, die sogar Idole unter den Schiedsrichtern hatten, denen sie nacheifern wollten. Über den Daumen gepeilt würde ich sagen, das Verhältnis war 50:50.

Ist es heute schwieriger oder leichter, und warum?

Das ist eine sehr interessante Frage, die ich auch nicht eindeutig beantworten kann. Auf der einen Seite wird es immer schwieriger, weil wir es uns im Fußball oft selbst schwer machen. Die negativen Seiten des Amtes – hoher Druck, Konfrontation mit verbaler und körperlicher Gewalt, Umgang mit Fehlern – werden oft zusätzlich in ein schlechtes Licht gerückt, was es schwierig macht, junge Menschen davon zu überzeugen, dass es ein tolles Amt ist. Auf der anderen Seite haben wir in den vergangenen Jahren über einige wichtige Projekte die Nachwuchsgewinnung ankurbeln können, wir sind aktuell bei rund 60.000 Schiedsrichtern in Deutschland, und diese Zahl bezieht sich nur auf den Fußball! Das ist eine enorme Zahl, und ich finde, dass wir mit unserer Art, uns und unser Amt zu präsentieren, sehr viel beeinflussen können.

Trikottag

Was ist der Trikottag?

Der Trikottag ist der nationale Feiertag für den Vereinssport in Deutschland. Er ist eine Aktion des DOSB und seiner Mitgliedsorganisationen. Beim Trikottag geht es darum, Sichtbarkeit für die Sportvereine zu schaffen und für das, was sie tagtäglich für die Menschen und für unsere Gesellschaft leisten. Sport im Verein trägt zur Gesundheit der Menschen bei, er verbindet, ist Motor für Integration und Inklusion und einer der ganz wenigen Orte, an denen Menschen noch zusammenkommen unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung oder anderer Merkmale.

Jede Woche beteiligen und engagieren sich Millionen von Menschen in den 86.000 Sportvereinen in Deutschland. Dieses Engagement und diese Vielfalt wollen wir gemeinsam einen Tag lang auch im Alltag zeigen und sichtbar machen.

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