Neues aus Sportdeutschland
„Es gibt von mir keinen erhobenen Zeigefinger und keine unerbetenen Ratschläge“
Am Türmersturm, dem Wahrzeichen der Stadt Tauberbischofsheim, weht seit 2013 die Fahne mit den Olympischen Ringen. Dass sie an diesem Frühlingstag kopfüber an ihrem Mast flattert, könnte man fast symbolisch deuten, schließlich ist der Mann, zu dessen Ehren sie gehisst wird, seit Juni vergangenen Jahres nicht mehr Kopf des Internationalen Olympischen Komitees. „Ich habe das Amt noch keine Minute vermisst“, sagt Dr. Thomas Bach, als er den Besuch aus dem DOSB in seinen neuen Büroräumen in der Altstadt von Tauberbischofsheim empfängt. Um seine Zeit als IOC-Präsident soll es im Gespräch aber auch nur am Rande gehen. Anlass für das Treffen, für das der weiterhin eng getaktete Team-Olympiasieger im Fechten von 1976 75 Minuten Zeit freigeräumt hat, ist der 20. Jahrestag der Gründung des DOSB, dessen erster Präsident er im Mai 2006 wurde.
Herr Dr. Bach, der 20. Mai 2006 ist ein geschichtsträchtiges Datum im deutschen Sport. Welche Erinnerung dominiert, wenn Sie an diesen Tag denken?
Thomas Bach: Bei mir ist das ganz deutlich die Erinnerung an die Gründungsfeier in der Frankfurter Paulskirche, die als Wiege der deutschen Demokratie einen sehr besonderen Stellenwert besitzt. Dort die Gründung des Deutschen Olympischen Sportbunds feierlich mit einer ganzen Reihe höchstrangiger Gäste begangen zu haben, hat mich sehr bewegt. Ganz besonders habe ich mich darüber gefreut, dass der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker zu den Gästen zählte. Für mich verkörperte er eine Mischung aus väterlichem Freund und Vorbild. Er hatte mir schon vor der Gründung zugesichert, dass er bereit wäre, sich als Persönliches Mitglied des DOSB zur Wahl zu stellen. Seine Bereitschaft mitzuwirken, hat dem DOSB in seiner Gründungszeit sehr gut getan. Für mich persönlich war es eine große Geste der Verbundenheit, an die ich mich auch 20 Jahre danach noch besonders gern erinnere.
Wie hat sich damals angebahnt, dass Sie erster Präsident des DOSB werden würden? Wie ist diese Idee entstanden?
Ich hatte schon Mitte der 90er-Jahre einen ersten Versuch unternommen, die Fusion zwischen dem Deutschen Sportbund und dem Nationalen Olympischen Komitee anzubahnen. Damals gab es ein Gipfeltreffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl und dem langjährigen NOK-Präsidenten Willi Daume, an dem auch Vertreter großer Sponsoren wie der Vorstandsvorsitzende der Daimler-Benz AG, Edzard Reuter, oder Bernd Schiphorst von Bertelsmann teilnahmen. Dort wurde die Idee diskutiert und vom Kanzler befürwortet, sie ist jedoch innerhalb des deutschen Sports zerredet und kleingehalten worden. Insbesondere Daumes Nachfolger Walther Tröger war ein entschiedener Gegner einer Fusion. Erst als Tröger 2002 von Klaus Steinbach abgelöst wurde, kam wieder Bewegung in dieses Thema. Zwischen Steinbach und Manfred von Richthofen, der als DSB-Präsident viele Jahre für eine bessere Kooperation geworben hatte, entwickelte sich ein guter Kontakt. Schließlich wurde eine Findungskommission gegründet, um mögliche Kandidaten für die DOSB-Präsidentschaft vorzuschlagen. Diese kontaktierte mich und fragte, ob ich bereit wäre, dieses Amt zu übernehmen.
Was hat Sie dazu bewogen, sich tatsächlich dieser Aufgabe zu stellen?
Ich habe intensiv mit mir gerungen. Letztlich waren es die Gespräche mit meiner Frau und engen Freunden, die den Ausschlag gegeben haben. Sie alle haben zu mir gesagt: Du kannst nicht immer eine Fusion fordern, aber dann kneifen, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Du musst das machen! Also habe ich mich zu einem Gespräch bereit erklärt. Vorsitzender der Findungskommission war der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger. Eine Frage, an die ich mich erinnere, war angesichts der bekannten Kontroversen zwischen NOK und DSB, welchen der beiden Generalsekretäre ich weiterbeschäftigen würde. Auf meine Antwort – keinen von beiden – reagierte die Kommission überrascht, aber auch etwas erleichtert, weil beide Seiten wohl befürchtet hatten, ich würde die jeweils andere Partei bevorzugen. Mir schwebte aber ein anderes Profil vor: Ein Generaldirektor, der den DOSB kraftvoll führen und nach außen vertreten sollte. Das wurde akzeptiert. Am Ende hat die Kommission vorgeschlagen, mich zum Gründungspräsidenten des DOSB zu wählen.
Worin haben Sie vor 20 Jahren die größten Chancen der Fusion von DSB und NOK gesehen, worin die größten Risiken? Warum haben Sie damals geglaubt, dass die Fusion der richtige Schritt sein würde?
Die größte Chance habe ich darin gesehen, den deutschen Sport zu vereinen und dafür zu sorgen, dass er mit einer Stimme spricht und als Einheit wahrgenommen wird. Es war damals offensichtlich, dass DSB und NOK im besten Fall nebeneinander herumwerkelten, oftmals aber auch gegeneinander. Das hat zu Parallelarbeit und Missverständnissen geführt, zu Mehraufwand und unnötiger Bürokratie. Das ging so weit, dass Sportfachverbände, die im NOK und im DSB Mitglied waren, in der einen Organisation A und in der anderen B gesagt haben, was wiederum dazu führte, dass in einigen Fällen die beiden Dachverbände gegeneinander ausgespielt wurden. Dadurch war der deutsche Sport in der Gesellschaft beinahe irrelevant geworden, und das ist der Grund, warum ich mich vehement für die Fusion eingesetzt und geglaubt habe, dass sie der richtige Schritt sein würde. Das Risiko lag natürlich auf der Hand: Dass es nicht gelingen könnte, die beiden Organisationen zusammenzuführen, und dadurch ins Chaos abzugleiten.
Wie haben Sie in der Anfangszeit des DOSB die Stimmung in der deutschen Sportfamilie wahrgenommen?
Mir war klar, dass meine erste Aufgabe sein würde, die erhoffte Einheit herzustellen, Skepsis abzubauen und die Mitgliedsorganisationen hinter dem neuen Dachverband zu versammeln. Deshalb habe ich bei meiner Amtseinführung auch darauf bestanden, dass eine geheime Wahl durchgeführt wird und wir sehen konnten, wo wir stehen und ob es wirklich eine stabile Mehrheit für unser Team geben würde. Direkt nach der Wahl haben die Mitglieder dann in der Paulskirche gespürt, welche Relevanz der Sport entwickeln kann und dass er in der Gesellschaft anerkannt werden würde. Man sah die Chance, die die Fusion bot. In meiner Rede habe ich klare Ziele formuliert, mit deren Hilfe wir den gesellschaftlichen Wert des Sports in unserem Land steigern wollten, in dem wir die dem Sport eigenen Werte hervorheben. Das war der rote Faden.
Worin lagen für Sie zum Start die höchsten Hürden?
Besonders hart war eine spätere Phase, als Hans-Peter Krämer, unser Vizepräsident Wirtschaft und Finanzen, feststellte, dass der DSB zum Zeitpunkt der Fusion finanziell in sehr schwierigem Fahrwasser navigierte. Kurz gesagt: Es türmten sich unerwartete finanzielle Probleme auf, die Hans-Peter Krämer lösen musste. Zum Glück ist ihm dies durch Umschichtung von Verpflichtungen gelungen, zudem stimmten die Mitglieder einer Beitragserhöhung zu. Dazu kam, dass der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger dem DOSB mit einem Millionenbetrag aus dem Gewinn der Fußball-WM 2006 half. Von dem DFB-Geld haben wir die Stiftung Deutscher Sport gegründet.
Was oder wer hat Ihnen am meisten geholfen, die Startprobleme zu überwinden?
Ich hatte ein glänzendes Team an meiner Seite. Schon in der ersten Präsidiumssitzung habe ich den Willen gespürt, die Einheit herbeizuführen und die Fusion zu einem Erfolg zu machen. Das war eine wirklich gute Truppe. Überrascht habe ich aber fast alle mit meinem Vorschlag, Michael Vesper zum Generaldirektor zu berufen, was heute die Rolle des Vorstandsvorsitzenden ist. Das hat doch für einige Skepsis gesorgt: Ein starker Realo-Grüner, der für sein Selbstbewusstsein berüchtigt war! Ich habe argumentiert, dass starke Persönlichkeiten, die die Besten ihres Fachs sind, genau das waren, was der DOSB brauchte. Auch bei dieser Personalie hat mich Hans-Peter Krämer tatkräftig unterstützt, und das hat sehr geholfen, dass Michael Vesper anerkannt und respektiert wurde. Nach sechseinhalb Monaten fand dann die erste Mitgliederversammlung statt, der wir mit großer Spannung entgegengeblickten, weil doch einige hochstrittige Themen diskutiert werden sollten. Einige Medien hatten schon zu jubeln begonnen, dass sich der neu gegründete DOSB selbst zerlegen würde. Wir haben dann aber für alle wichtigen Themen Mehrheiten zwischen 95 und 100 Prozent bekommen. Von da an wussten wir: Der Anfang ist gemacht! Trotzdem war mir bewusst, dass die Einheit jeden Tag neu gepflegt und das Vertrauen jeden Tag aufs Neue erworben werden musste.
Welche Projekte waren für Sie in Ihrer Amtszeit im DOSB die prägendsten?
Sehr glücklich bin ich, dass es uns gelungen ist, das System der Leistungssportförderung umzustellen, weg von einer Belohnung von Verbänden für vergangene Leistungen, hin zu einem System, das Investitionen in die Zukunft in den Vordergrund stellt, begleitet von Zielvereinbarungen mit den Fachverbänden. Dieses System wurde abgesichert durch ein Memorandum of Understanding mit dem Bundesinnenministerium, das die Autonomie des DOSB garantierte. Nach vielen Jahren des Stillstands hat diese Neuordnung auch zu einem Mittelaufwuchs geführt. Ein weiteres Thema, das mir extrem am Herzen lag, war die Gleichberechtigung und Frauenförderung, die vor allem dank Ilse Ridder-Melchers vorangetrieben wurde. Die Frauen-Vollversammlung im DOSB war immer meine Lieblingsveranstaltung, nirgends habe ich mehr Energie und Motivation für stete Verbesserung gespürt. Dazu kam dann noch die starke Erweiterung des Programms Integration durch Sport, das wir mit der Hilfe des damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble auf ein neues Niveau heben konnten. Damals habe ich wichtige Dinge gelernt, die mir später im IOC beim Aufbau der Olympic Refuge Foundation sehr geholfen haben.
In Ihre Amtszeit fielen auch die über Missbrauchsfälle im Bereich von Waldorfschule und Kirche angestoßenen Diskussionen um sexualisierte Gewalt im Sport, die auch aktuell ein sehr intensives, vielschichtiges Thema sind. Wie haben Sie diese Themen geprägt?
Wir haben damals sofort proaktiv bekannt, dass es auch in Sportvereinen solche Fälle gibt. Ingo Weiss war dafür zuständig und hat den DOSB mit großem Einfühlungsvermögen positioniert. Ich hatte in dieser Zeit ein Gespräch mit der Bundesbeauftragen für die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann. Nachdem wir uns über die Kernpunkte einer Zusammenarbeit geeinigt hatten, sagte ich zu ihr, dass ich mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen könne als ihre Aufgabe, bei der sie ständig mit dem Leid von Kindern konfrontiert war. Da platzte es regelrecht aus ihr heraus, sie schilderte schlimmste Fälle von sexueller Gewalt an Kindern in Familien. Das hat mich unglaublich mitgenommen, ich werde dieses Gespräch niemals vergessen. Wir haben das Thema Prävention dann im DOSB weiter vorangetrieben. Vorher hatten wir schon ein Projekt gegen Gewalt an Frauen umgesetzt, mit der Profibox-Weltmeisterin Regina Halmich als Testimonial. Projekte wie dieses waren und sind mir bis heute extrem wichtig.
Was hätten Sie in Ihrer Zeit als DOSB-Präsident gern umgesetzt, sind aber nicht (mehr) dazu gekommen?
Da muss ich drei Dinge nennen. Erstens ist es mir nicht gelungen, eine Forderung aus meiner Gründungsrede zu realisieren: Die Förderung des Sports und den Schutz seiner Autonomie im Grundgesetz als Staatsziel zu verankern. Das wurde auch vom Bundespräsidenten a.D. Richard von Weizsäcker unterstützt. Schließlich konnte sich der Bundestag leider nur zu einer Resolution durchringen, in der die Werte des Sports und die Rolle des DOSB gewürdigt wurden. Zweitens haben wir es leider nicht geschafft, die Trainerausbildung wieder zu einer akademischen Ausbildung zu machen und das Vergütungssystem der Bedeutung des Berufs anzupassen sowie dem Aufwand und Einsatz Rechnung zu tragen, den unsere Trainerinnen und Trainer leisten. Auch die Gestaltung längerfristiger Verträge haben wir nicht umsetzen können. Wir haben zwar Fortschritte gemacht, aber nicht in dem Maße, in dem ich mir das gewünscht hatte. Und drittens, meine bitterste Niederlage: Das Scheitern der Bewerbung Münchens um die Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2018 auf der IOC-Session 2011 in Durban. Das hat mich extrem getroffen, weil das ein Projekt war, hinter dem der damals noch immer junge DOSB in seiner Gesamtheit stand.
5 Ringe – 5 Fragen: Berliner Abgeordnetenhaus stimmt über Olympiabewerbung ab
Wie sieht das Konzept Berlin+ aus?
Berlin setzt bei seiner Bewerbung auf Spiele im Herzen der Stadt. Die Hauptstadt selbst soll zur olympischen und paralympischen Bühne werden: mit kurzen Wegen, bestehenden Anlagen und einem klaren Fokus auf Nachhaltigkeit. 97 Prozent der benötigten Sportstätten sind nach Angaben des Senats bereits vorhanden.
Ein Schwerpunkt liegt im Olympiapark im Westen Berlins, wo sieben Sportarten gebündelt werden. Im Olympiastadion sind die Leichtathletikwettbewerbe geplant, direkt daneben die Schwimmwettkämpfe. Dafür soll das Olympiaschwimmstadion überdacht, erweitert und modernisiert werden – mit dem Ziel, internationalen Anforderungen zu genügen und zugleich das Angebot an Wasserflächen für die Berliner Bevölkerung zu verbessern.
In unmittelbarer Nähe zum Olympiapark ist auch das Olympische und Paralympische Dorf vorgesehen. Am Stadteingang West, zwischen den S-Bahnhöfen Westkreuz und Grunewald, soll auf rund 45 Hektar ein neues Stadtquartier entstehen. Die Athlet*innen wären dessen erste Bewohner*innen. Anschließend wird das neue Quartier an die Berliner*innen übergeben: Vorgesehen sind mindestens 2.500 bezahlbare Wohnungen sowie Grünflächen, Sport- und Begegnungsräume.
Weitere Wettkampfstätten sind über das gesamte Stadtgebiet verteilt: unter anderem die Uber Arena für Handball und Judo, die Max-Schmeling-Halle für Volleyball, das Velodrom für den Bahnradsport, die Alte Försterei für Rugby sowie das Sportforum Hohenschönhausen für Fechten und Schießen. Zugleich soll der öffentliche Raum Teil der Spiele werden. Geplant sind Wettbewerbe vor dem Brandenburger Tor, urbane Sportarten auf dem Tempelhofer Feld, der Marathon entlang historischer Orte und der Triathlon an der East Side Gallery. Das Konzept setzt damit bewusst auf Bilder, die den Sport in die Stadt holen und die Menschen nah an die Spiele bringen.
Für seine Bewerbung arbeitet Berlin zudem mit Partnerstandorten zusammen. Sachsen bringt mit Leipzig erprobte Sportstätten ein, unter anderem für die Reitwettbewerbe und Kanuslalom. In Brandenburg sollen unter anderem die Kanu- und Golfwettbewerbe stattfinden. Rostock-Warnemünde und die Ostseeküste sind im Konzept als Austragungsorte für die Segelwettkämpfe vorgesehen.
Was ist über den Sport hinaus geplant?
Athlet*innen, Fans und Gäste aus aller Welt sollen Berlin nicht nur als Gastgeber, sondern als offene und kulturell vielfältige Metropole erleben. Dafür hat die Hauptstadt ein Host‑City‑Konzept entworfen, das Sport, Teilhabe und Kultur in den Mittelpunkt stellt.
Herzstück des Konzeptes ist ein Olympischer Parcours – ein urbaner Erlebnisweg vom Olympiastadion über das Berliner Zentrum bis zum Tempelhofer Feld und dem ehemaligen Flughafen. Entlang dieser Strecke sollen temporäre Orte für Bewegung, Kultur, Public Viewing und Begegnung entstehen. Ein besonderes Zeichen setzt dabei eine geplante temporäre Brücke über dem Brandenburger Tor.
Mit zentralen Momenten wie der Eröffnungsfeier auf dem Tempelhofer Feld, Medaillenfeiern am Brandenburger Tor sowie Fanzonen in den Bezirken sollen die Spiele für möglichst viele Menschen erlebbar werden – als Ereignis für die gesamte Stadt. Eine Kulturolympiade bildet dabei die inhaltliche Klammer und macht Olympische und Paralympische Spiele zu einem gemeinsamen, inklusiven Großereignis.
Wie wurden die Bürger*innen in die Planungen eingebunden?
Die Hauptstadt setzte von Beginn an auf einen offenen, dialogorientierten Beteiligungsprozess. Die Berliner*innen konnten ihre Perspektiven, Ideen und Erwartungen auf verschiedenen Wegen einbringen und die Bewerbung mitgestalten – etwa über Online-Beteiligungen, Workshops, Kieztouren und ein Bürgerforum.
Das Ergebnis dieser Beteiligung ist eine „Bürgercharta für Olympia“. Sie hält fest, wofür die Spiele stehen sollen und welchen konkreten Nutzen sie für Berlin haben müssen. Die Charta bündelt die vielen Stimmen aus der Stadt zu Handlungsempfehlungen, die in die Bewerbung eingeflossen sind – und zeichnet das Bild von alltagsnahen, inklusiven Spielen, die die Stadt spürbar voranbringen.
Hinzu kommt die erfolgreiche Volksinitiative „Die Spiele für Berlin“ des Landessportbundes Berlin. Insgesamt wurden 28.000 Unterschriften gesammelt, 8.000 mehr als erforderlich, mit dem Ziel, einen Beschluss des Abgeordnetenhauses für eine Berliner Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele zu erreichen. Dieser Beschluss soll am 21. Mai gefasst werden.
Was ist über Einnahmen und Kosten bekannt?
Für alle vier deutschen Bewerber hat der DOSB das sogenannte Games Operational Budget (GOB) kalkuliert – also jene Ausgaben, die direkt mit Planung und Durchführung der Olympischen und Paralympischen Spiele verbunden sind. Nach diesen Berechnungen bewegen sich die Kosten in einer Größenordnung, wie sie zuletzt bei den erfolgreichen Spielen von Paris 2024 erreicht wurde. Zugleich gilt: Wie schon in Paris sollen die operativen Ausgaben in allen Konzepten durch Einnahmen rund um die Spiele gedeckt werden. Realistisch ist in allen vier Fällen sogar ein Überschuss möglich.
Unabhängig davon sieht Berlin rund um die Spiele zusätzliche Investitionen von insgesamt 1,6 Milliarden Euro in Sportstätten und Verkehr vor. Der Großteil des Geldes soll aus öffentlichen Mitteln kommen und in sogenannte Legacy-Projekte fließen – also Vorhaben mit langfristigem Nutzen für die Stadtgesellschaft. Geplant ist unter anderem, 80 Sportstätten für den Breitensport zu sanieren oder zu modernisieren, darunter Schulsporthallen, Schwimmbäder und Vereinsanlagen. Weitere 440 Millionen Euro sollen in mehr Bewegung und sportliche Förderung für Kinder und Jugendliche fließen – etwa in Angebote an Ganztagsschulen, Talentförderung, zusätzliche Schwimmkurse, Sportplätze und sogenannte Bewegungsinseln in Parks.
Wie geht es weiter und was bedeutet der Beschluss des Abgeordnetenhauses für die Bewertung des DOSB?
Wie alle Bewerber muss auch Berlin sein finales Konzept bis zum 4. Juni beim DOSB einreichen. Anschließend werden die Unterlagen nach verschiedenen Kriterien bewertet – darunter sportfachliche Eignung, nationale Akzeptanz, internationale Wettbewerbsfähigkeit, Kosten und Finanzierung sowie Fragen der nachhaltigen Wirkung über die Spiele hinaus.
Auch der Beschluss des Abgeordnetenhauses fließt in die Gesamtbewertung ein. Anders als in Hamburg, KölnRheinRuhr und München kann Berlin aus rechtlichen Gründen grundsätzlich keine eigene Volksabstimmung auf den Weg bringen. Deshalb ersetzt der Beschluss des Abgeordnetenhauses in Berlin ein Referendum und belegt die politische Unterstützung des Landesparlaments für die Bewerbung.
Die endgültige Entscheidung über das deutsche Bewerbungskonzept fällt am 26. September. Dann wählt eine außerordentliche Mitgliederversammlung des DOSB den deutschen Kandidaten für die Olympiabewerbung.
Klare Haltung für einen offenen und vielfältigen Sport
Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Deutsche Sportjugend (dsj) erneuern und stärken ihre gemeinsame Haltung: Der organisierte Sport steht für ein respektvolles, faires und offenes Miteinander – und widerspricht menschenverachtenden und antidemokratischen Haltungen und Handlungen weiterhin entschieden.
Mit einer überarbeiteten Version ihrer Positionierung von 2020 reagieren DOSB und dsj auf gesellschaftliche Entwicklungen und die damit entstehenden Fragen, wie Sportvereine und -verbände mit vielfältigen Spannungen umgehen können, beispielsweise mit einer bedenklichen Normalisierung antidemokratischer und menschenfeindlicher Positionen. Zugleich zeigen viele Vereine, Verbände und (junge) engagierte Haltung für ein demokratisches Miteinander – etwa durch klare Positionierungen und sichtbares Engagement.
Jasmin Bleul: Heim-EM als Abschluss einer herausragenden Karriere
Körpersprache ist ihr Metier. Aber dass sie auch ihre Worte so präzise einzusetzen weiß wie ihre Gliedmaßen, beweist Jasmin Bleul schon bei der Einstiegsfrage. Wenn sie heute auf die Person schaue, die sie war, als sie 2012 zum ersten Mal an einer Europameisterschaft im Karate teilnahm, welche Veränderung falle ihr ganz besonders auf, lautete die Frage. „Der größte Unterschied zu damals ist, dass ich gelernt habe, belastende Dinge schnell abzuhaken. Ich kann heute richtig lange leiden, ohne daran zu zerbrechen. Damals habe ich mir sehr vieles von dem zu Herzen genommen, was von außen kam. Heute weiß ich: Die Menschen, die einen kritisieren, sind zu 99 Prozent Menschen, die nicht so viel erreicht haben in ihrem Leben wie die, die sie attackieren, deshalb kann ich damit viel entspannter umgehen“, antwortet sie.
Das sind nachdenkliche Sätze, aber sie erzählen viel über die Vorzeigeathletin des Deutschen Karate Verbands (DKV), der in dieser Woche sein 50-jähriges Bestehen mit einem ganz besonderen Event feiert: der ersten Heim-EM seit 2003 in Bremen, die von Mittwoch bis Sonntag in der Eissporthalle in Frankfurt am Main stattfindet. Der Grund für den Rückblick auf ihre Karriere dürfte einleuchten: Jasmin Bleul, die am Mittwoch zur Vorrunde antritt, zwei Tage später ihren 33. Geburtstag feiert und am 23. Mai um die Medaillen mitzukämpfen hofft, wird ihre Karriere nach der EM beenden. „Ich habe das nicht an die große Glocke gehängt, aber es ist auch kein Geheimnis. Ich spiele schon länger mit dem Gedanken und finde, dass es keinen besseren Zeitpunkt gibt, als nach dem Saisonhöhepunkt aufzuhören, zu dem all meine Freunde und Familie dabei sein werden“, sagt die aus Mömbris im Landkreis Aschaffenburg stammende Sportsoldatin, die in Wiesbaden lebt, am Frankfurter Bundesstützpunkt trainiert und für den SC Judokan Frankfurt startet.
Für den DKV, der laut aktueller DOSB-Bestandserhebung mehr als 155.000 Mitglieder in rund 2.600 Vereinen vertritt, ist das Turnier eine große Chance, den japanischen Kampfsport in Deutschland noch populärer zu machen. „Der Erfolgsdruck ist hoch, wir haben am Wochenende eine ausverkaufte Halle, was für einen nicht-olympischen Sport etwas sehr Besonderes ist“, sagt Verbandspräsident Wolfgang Weigert. Rund 120 Freiwillige werden das 15 Personen umfassende Organisationsteam unterstützen. Am vergangenen Sonntag kamen zur Jubiläumsfeier rund 500 Karateka zusammen, um in der Frankfurter Leichtathletikhalle gemeinsam mit mehreren Bundestrainern und dem japanischen Großmeister Masao Kagawa am „DKV-Tag“ zu trainieren. „Außerdem sind wir die erste Sportveranstaltung in Deutschland, die von der EU über das Erasmus+ Sport-Programm direkt gefördert wird, weil wir das UN-Projekt Guardian Girls unterstützen“, sagt Wolfgang Weigert.
Jasmin Bleul erlebt in Frankfurt ihre 13. EM
51 Nationen haben für die EM gemeldet, dazu kommen Athletinnen und Athleten aus Russland und Belarus, die unter neutraler Flagge antreten. Deutschland hat alle fünf Gewichtsklassen pro Geschlecht in der Zweikampf-Kategorie Kumite besetzt, am Start sind auch Johanna Kneer (28/KJC Ravensburg/über 68 kg) und Mia Bitsch (22/Bushido Waltershausen/bis 55 kg), die bei den World Games 2025 in Chengdu (China), den Weltspielen der nicht-olympischen Sportarten, Gold gewinnen konnten. Nicht starten kann Reem Khamis (23/Teikyo Team Kaiserslautern/bis 61 kg), die Europameisterin von 2023 laboriert weiterhin an Knieproblemen, die bereits ihre Chengdu-Reise verhindert hatten, musste vor wenigen Wochen operiert werden und ist aktuell in der Reha.
Welchen Status Jasmin Bleul im DKV-Team genießt, lässt sich allein schon daran ablesen, dass sie in Frankfurt zum 13. Mal bei kontinentalen Titelkämpfen auf die Matte geht. „Natürlich bin ich die Erfahrenste in der Mannschaft und versuche, das auch an die Jüngeren weiterzugeben. In erster Linie möchte ich aber diejenige sein, die für gute Stimmung sorgt und Lockerheit reinbringt, denn das ist für mich ein ganz wichtiges Element“, sagt sie.
Um einordnen zu können, was für eine Leistung es ist, als bald 33-Jährige 13 EM-Turniere erlebt zu haben, muss man wissen, dass im Karate in jedem Jahr eine EM ausgetragen wird, und dass Jasmin nicht im Kumite antritt, sondern im Kata. Das ist ein Formenlauf, bei dem die Athlet*innen festgelegte Abfolgen von Kampftechniken gegen imaginäre Gegner ausführen, von denen es mehr als 100 gibt. „Beim Kata gibt es zwar auch viele Verschleißerscheinungen am Körper, aber das Verletzungsrisiko ist deutlich geringer als im Kumite. Ich bin glücklicherweise von schweren Blessuren verschont geblieben und konnte deshalb bis auf 2020, als die EM wegen Corona abgesagt wurde, in jedem Jahr starten“, sagt Jasmin.
„Kein Verein muss sich positionieren, aber jeder sollte sich widerstandsfähig machen“
DOSB: Nina, die neue Fassung der Positionierung, die heute veröffentlicht wird, erneuert und ergänzt die erste von 2020. Warum war es notwendig, diese nach relativ kurzer Zeit so umfassend zu überarbeiten?
Nina Reip: Um diese Frage zu beantworten, bedarf es zunächst einer Klärung: Was ist eine gute Halbwertzeit für eine Positionierung, was soll diese leisten? Ist sie eine einmalige Veröffentlichung, um Haltung zu zeigen? Oder ist sie vielmehr ein Instrument der Organisationsentwicklung, das als inhaltliche Richtschnur fungiert? Es geht bei dieser Positionierung um ein Grundsatzpapier für die Deutsche Sportjugend und den Deutschen Olympischen Sportbund. Genau wie bei einer Satzung, die ja auch ein Grundlagendokument ist, das Veränderungen unterliegt, ist bei einer Positionierung Weiterentwicklung wichtig. Sie ist nicht statisch, sondern sie lebt, weil wir mit ihr und an ihr arbeiten, und das haben wir nun getan.
Was sind denn die wichtigsten Veränderungen, die dazu geführt haben?
Wir haben in den vergangenen sechs Jahren einen vielfältigen gesellschaftlichen Wandel erlebt, angefangen durch die Verwerfungen der Corona-Pandemie. Wir sind als gesamte Gesellschaft veränderten Diskursen, multiplen Krisen und neuen weltpolitischen Begebenheiten ausgesetzt, und all das spiegelt sich in Sportvereinen. Außerdem haben sich auch dsj und DOSB weiterentwickelt, wir haben Themen vorangetrieben, Maßnahmen umgesetzt und lernen zudem von Entwicklungen in unseren Mitgliedsorganisationen. Im Juli 2025 erschien das aktualisierte Gutachten von Richard Gebhardt zur Sportpolitik der AfD, damit haben wir uns intensiv auseinandergesetzt. Dazu kam im September 2025 unser Hearing in der DOSB-Geschäftsstelle in Frankfurt am Main, bei dem die dsj- und DOSB-Mitgliedsorganisationen ihre Erfahrungen geschildert und ihre Bedarfe formuliert haben. Dadurch haben wir vieles noch einmal besser verstanden und uns inhaltlich damit auseinandergesetzt, was wir heute anders formulieren würden als in der Positionierung von 2020. Daraus ist letztlich die überarbeitete Fassung entstanden, die wir heute veröffentlichen.
Wie funktioniert eine solche Überarbeitung technisch, wer ist dafür zuständig und wer hat den DOSB und die dsj extern dazu beraten?
Da es eine gemeinsame Positionierung ist, haben DOSB und dsj zunächst intern die Überarbeitung vorgenommen. Hierzu hat die 2025 geschäftsbereichsübergreifend gebildete Kompetenzgruppe „Sport und Demokratie“ den Auftrag zur Überarbeitung erhalten. Diese hat sich mit Personen aus den Führungskreisen von DOSB und dsj ausgetauscht und zu ausgewählten Themen auch Expert*innen von außerhalb zurate gezogen. Hier wäre exemplarisch Robert Claus zu nennen, der als Fachmann für die Themen Vielfalt und Antidiskriminierung, Rechtsextremismus und Prävention im Sport renommiert ist. Daraus ist die aktualisierte Positionierung entstanden, die sich in drei Bereiche gliedert. Einen Kerntext mit Positionierung und zwei Anhänge. Einer beinhaltet den Maßnahmenkatalog und Handlungsprämissen, die konkret für DOSB und dsj gelten, der andere eine Begriffserklärung als Hilfsinstrument.
Die Einstiegssätze in die neue Positionierung klingen durchaus dramatisch. Was sind die wichtigsten Entwicklungen, die die darin geschilderten Sorgen so deutlich haben wachsen lassen?
Dies muss man aus zwei Perspektiven betrachten. Zum einen sind die Sorgen groß, weil wir die Probleme sehen. Wir haben zwar auch vor sechs Jahren die Augen nicht verschlossen, aber wir erleben nun, dass die Breite des Sports anders für antidemokratische Haltungen und Handlungen sensibilisiert ist, weil es sie mittlerweile selbst betrifft, und das flächendeckend in ganz Deutschland. Andererseits sind die Sorgen gewachsen, weil die Probleme deutlich massiver auftreten. Es gibt eine Partei, die an vielen Stellen antidemokratisch agiert und rechtsextremes Gedankengut verbreitet. Dadurch verschieben sich Grenzen, der Blick auf die Gesellschaft verändert sich, so dass es mittlerweile so gut wie jede Person im Sport betreffen kann. Dazu kommen Entwicklungen auf globaler Ebene, die auf Deutschland abstrahlen. Die Kriege in der Ukraine oder im Nahen Osten haben direkten Einfluss auf die Lage der Menschen in Deutschland, zum Beispiel durch steigende Spritpreise oder durch Konflikte mit antisemitischem Hintergrund, die auf den Sportplätzen stellvertretend ausgetragen werden.
Das Verhältnis von Sport und Demokratie ist vielfältig. An welchen Stellen siehst du gerade das Thema Demokratiebildung in Vereinen und Verbänden, das auf Vereinsebene niedrigschwellig durch Teilhabe an Wahlen oder das Erlernen von Strukturen gefördert werden kann, durch äußere Einflüsse bedroht?
Das ist eine komplexe Frage. Wir müssen zunächst klarstellen, was wir unter Demokratie verstehen. Es gibt auch in Deutschland Menschen, die die liberale Demokratie abschaffen wollen, aber nicht die Demokratie an sich. Selbst in Sportvereinen, die antidemokratisch aufgestellt sind, wird man auf Wahlen nicht verzichten, aber es stellt sich die Frage, wie offen und zugänglich diese noch sein werden. Sportvereine werden immer Orte des Zusammenseins bleiben, aber auf Grundlage welcher Werte ist dieses Zusammensein organisiert und bleiben Sportvereine ein Ort der Begegnung, der inklusiv ist? Zudem sind es nicht unbedingt äußere Einflüsse, die eine Bedrohung darstellen. Unterwanderungen gibt es, das ist eine Strategie der AfD, die seit 2019 laut entsprechendem Papier existiert. Aber die Mehrheit der Vereine leidet nicht an Unterwanderung. Ihre Herausforderung sind die Mitglieder, die schon da sind und sich den Raum nehmen, ihre antidemokratischen und menschenfeindlichen Haltungen zu propagieren. Der Umgang mit diesen Mitgliedern ist der Knackpunkt. Wie können Sportvereine mit ihnen umgehen, gleichzeitig die Hand reichen und die Werte verteidigen? Das ist herausfordernd, aber machbar.
Es ist in der neuen Positionierung auch davon die Rede, dass sich antidemokratisches Verhalten stärker aus dem digitalen in den analogen Bereich verschoben hat. Ist es belegbar, dass sich mehr Menschen aus der Anonymität des Internets herauswagen und Beleidigungen oder Bedrohungen offener ausgesprochen werden?
Tatsächlich ist eindeutig festzustellen, dass die Hemmschwelle, auch öffentlich bestimmte Aussagen zu treffen, die vor einigen Jahren nicht konsensfähig gewesen wären, deutlich niedriger geworden ist. Es gibt seit vielen Jahren entsprechende Vorbilder im digitalen Raum, von denen sich Menschen Verhaltensweisen abschauen und diese aus dem Netz ins reale Miteinander überführen. Leider bleiben solche Aussagen heute in beiden Räumen zu oft unwidersprochen. Wenn Verletzungen der Menschenwürde aber keine Grenzen gesetzt werden und die Gesellschaft nicht durch allgemeingültige Werte getragen wird, dann werden extreme Einstellungen mehrheitsfähig, und genau das beobachten wir gerade. Sportvereinen erwächst daraus zwar die große Chance, sich deutlich gegen jegliche Form der Radikalisierung zu positionieren, aber auch eine große Verantwortung. Es empfiehlt sich sehr, dass Vereinsmitglieder untereinander aushandeln, worin ein gutes Zusammenleben besteht.
Es ist unter anderem von rechtsextremen und von autoritär-linken Interventionen die Rede. Worin unterscheiden sich die politischen Extreme in ihrer Einflussnahme?
Wir haben nicht nur mit den politischen Extremen zu tun, sondern auch mit religiösem Extremismus. Um es klar zu sagen: In Deutschland ist im Bereich des organisierten Sports der Rechtsextremismus die größte Herausforderung, darauf liegt unser Fokus – bei der Arbeit und in der Positionierung. Wir erkennen aber ausdrücklich an, dass es andere Herausforderungen wie zum Beispiel den links-antiimperialistischen oder religiös motivierten Antisemitismus gibt, der insbesondere seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 zugenommen hat. Dazu kommen Organisationen wie die Grauen Wölfe, die ihren Extremismus auch außerhalb der Türkei bei uns verbreiten. Grundsätzlich sind es unterschiedliche Zielgruppen im Sport, die von den verschiedenen Phänomenen betroffen sind, deshalb braucht es eine Differenzierung und eine dezidiert individuelle Betrachtung. Gleichsetzung hilft hier nicht, ist vielmehr Taktik.
Inwieweit sind andere Formen von Extremismus im deutschen Sport denn ein Problem?
Es gibt deutschlandweit mehr als 150 Fußballvereine, die mit der türkischen Community verbunden sind. Ein kleiner Teil davon sind Anhänger der rechtsextremen Ideologie der Grauen Wölfe. Hinzu kommen Mitglieder in anderen Sportvereinen ohne dezidierten türkischen Hintergrund. Als Mehrheitsgesellschaft haben wir das oft gar nicht auf dem Schirm. Aber wir wollen und müssen dafür sensibilisieren und Aufklärung leisten. Bei der Fußball-EM der Männer 2024 gab es mehrfach Vorfälle mit dem Zeigen des Wolfsgrußes, den die Mitglieder der rechtsextremen Grauen Wölfe nutzen, auch durch Spieler auf dem Platz. Wir gehen davon aus, dass das auch bei der WM im Sommer in Nordamerika ein Thema sein wird. Es ist unsere Verantwortung, auch diese Problemfelder aufzuzeigen. Hier geht es nämlich nicht nur um das Zeigen von rechtsextremen Symbolen, sondern um eine gewalttätige Organisation, die hiermit ihre Vormacht in Sportvereinen verdeutlicht und Fußballvereine als Rekrutierungsorte für junge Menschen nutzt. Deshalb hatte die dsj im Januar 2025 das Projekt „kontakt. – ultranationalistische und rechtsextreme Bewegungen im Sportumfeld“ als Teil des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gestartet. Darin wurden die Grauen Wölfe und in diesem Jahr auch die kroatischen Nachfolgeorganisationen der faschistischen Ustascha-Bewegung und ihre Auswirkungen auf den organisierten Sport in Deutschland untersucht. Leider fällt dieses Projekt zum Jahresende der Streichung von Fördermitteln zum Opfer, was wir sehr bedauern, weil die Arbeit sehr wichtig ist.
In welchem Ausmaß erleben Vereine oder Verbände politische Einflussnahme, Einschüchterungsversuche und sogar Übergriffe, und wie haben diese sich über die vergangenen Monate verändert?
Wir haben dazu leider kein systematisches und flächendeckendes Monitoring, das können wir aktuell noch nicht leisten. Aber wir haben aus dem Hearing im September viele Erkenntnisse dazu gewonnen, dass es einen klaren Anstieg dieser Fälle gibt, in Sportvereinen oder zum Beispiel über Kleine Anfragen oder parlamentarische Offensiven, über die Vereine sehr kritisch angegangen werden. Drohungen als Strategie zur Einschüchterung sind sehr verbreitet, wir haben dazu Materialien, um Betroffenen Hilfestellung leisten zu können, damit sie sich zur Wehr setzen können. Die AfD fährt eine Doppelstrategie, und zwar durch Anbiederung, indem sie mehr Mittel für den Sport verspricht, aber gleichzeitig durch Ablehnung und Diskreditierung, wenn der Sport Werte lebt.


