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Thomas Weikert kandidiert nicht mehr als DOSB-Präsident

Liebe Sportfreundinnen und Sportfreunde,

„an den Scheidewegen unseres Lebens stehen keine Wegweiser“, dieses Zitat wird dem großartigen Charlie Chaplin zugeschrieben. Ich bin wahrlich kein Schauspieler, und als Regisseur habe ich mich trotz meiner Rolle als Präsident im DOSB auch nie gefühlt. Ich kann aber nachempfinden, was Chaplin meinte, denn auch ich habe mich nun einige Monate mit der Entscheidung getragen, ob ich am 5. Dezember auf der Mitgliederversammlung noch einmal für das Präsidentenamt kandidieren soll. Heute nun ist der Tag, an dem ich euch mitteilen möchte, dass ich es nicht tun werde.

Bevor ich zu den Gründen dafür komme, möchte ich betonen, woran es nicht gelegen hat. Mein Präsidiumsteam ist mir in den vergangenen fünf Jahren, die wir in mehr oder minder identischer Besetzung für das gekämpft haben, was uns wichtig war, fest ans Herz gewachsen. Ich habe mich auch in meinen vorangegangenen Führungsämtern im Deutschen Tischtennis-Bund und im Tischtennis-Weltverband nie als Anführer gesehen. Ich bin kein Lautsprecher, niemand, der grundlos auf den Tisch haut. Ich sage meine Meinung, aber entschieden wird im Kollektiv. Und auch wenn mir bewusst ist, dass manche mir deshalb Führungsschwäche und Profillosigkeit vorhalten, sehe ich darin die Ursache, dass ich mit mindestens 90 Prozent derjenigen, mit denen ich im organisierten Sport arbeiten durfte, gut ausgekommen bin. Das ist mir wichtiger als im Alleingang erzwungene Achtungserfolge, und deshalb danke ich meinem Präsidiumsteam von Herzen für die gemeinsame Zeit.

Dieser Dank gilt aber in kaum minderer Form auch dem DOSB-Vorstand, mit dem ich stets vertrauensvoll zusammengearbeitet habe, den Mitarbeitenden im DOSB, den vielen Partnern in den Mitgliedsorganisationen und den treuen Unterstützer*innen des Team D und des DOSB. Auch mit dem größten Teil von euch habe ich, trotz mancher Differenzen, die gerade in einem emotionsgeladenen Umfeld wie dem Sport vollkommen normal sind, sehr gern zusammengearbeitet. Ich weiß, und das war ein gewichtiges Argument gegen die nun getroffene Entscheidung, dass ich diese Zusammenarbeit vermissen werde. Ich habe es geliebt, mich für das Wohlergehen des Sports einzusetzen, und auch wenn ich noch nicht sagen kann, in welcher Form ich das zukünftig tun werde, ist für mich klar, dass ich einen Teil meiner Kraft auch weiterhin dafür einbringen möchte.

Diese Vorrede führt mich nun aber zur Begründung meiner Entscheidung. Ich werde am 15. November, also noch vor der Mitgliederversammlung, 65 Jahre alt. Das ist zwar heute längst kein biblisches Alter mehr, aber ich spüre, dass ich nicht mehr die Kraft aufbringen kann, mich noch einmal vier Jahre mit Vollgas – und nichts anderes hätte der DOSB verdient – den Aufgaben eines Präsidenten zu widmen. Ihr mögt mich für naiv erklären, aber ich gebe zu, dass ich vor meiner Amtsübernahme nicht einschätzen konnte, welcher Arbeitsaufwand notwendig ist, um der Aufgabenfülle gerecht zu werden. DOSB-Präsident zu sein, ist ein Vollzeitjob. Und ich bitte zu bedenken, dass es sich trotzdem um ein – zumindest bis zum Ende dieses Jahres – unbezahltes Ehrenamt handelt. Das wusste ich zwar vorher; wie viel Energie notwendig ist, um es mehr als anständig auszufüllen, wusste ich nicht. Die Belastung habe ich als enorm empfunden, und ich kann sie mir, auch mit Blick auf meine Familie, nicht weitere vier Jahre zumuten.

„Wenn man anfängt, an das Ausscheiden zu denken, hat man schon verloren“

Mit neun Frauen und zwei Männern startet der Deutsche Judo-Bund (DJB) in die Weltmeisterschaften in Aserbaidschans Hauptstadt Baku, die vom 4. bis 11. Oktober ausgetragen werden. Anders als bei Olympischen Spielen, wo pro Gewichtsklasse nur eine Kämpferin pro Nation zugelassen ist, können Miriam Butkereit (32) und Giovanna Scoccimarro (28) im 70-kg-Limit beide um Gold kämpfen. Wer deshalb interne Spannungen erwartet, wird spätestens im gemeinsamen Gespräch eines Besseren belehrt. Die beiden Weltklasse-Athletinnen – Olympia-Silbergewinnerin Butkereit ist Fünfte der Weltrangliste, Scoccimarro wird an Position 20 geführt – gehen sehr respektvoll und freundschaftlich miteinander um. Ganz so, wie es in dem japanischen Kampfsport, der als „der sanfte Weg“ beschrieben wird, üblich ist.

DOSB: Im Judo gibt es auf der Weltserie mit Grand Prix und Grand Slam einige wichtige Turniere. Welchen Stellenwert hat die WM im Vergleich damit für euch?

Giovanna Scoccimarro: Grand Slam und Grand Prix sind wichtige Turnierserien, bei denen wir Punkte für das Olympiaranking sammeln. Aber man kann sie vergleichen mit Weltcups oder Rennen wie in der Formel 1. Die WM ist unser Saisonhöhepunkt, wer hier Gold gewinnt, bekommt 2000 Punkte für die Rangliste. Also hat sie in diesem Jahr den höchsten Stellenwert.

Miriam Butkereit: Dazu kommt Ende des Jahres noch das Masters, ein Einladungsturnier für die besten 36 der Weltrangliste. Bei der WM sind theoretisch die Top 100 der Welt startberechtigt, so dass das Masters ein noch ausgewählteres Teilnahmefeld hat. Dort gibt es für den Sieg 1800 Punkte, bei der EM im Vergleich dazu nur 700.

Die WM findet in Baku statt. Gastgeber Aserbaidschan ist eine begeisterte Judo-Nation. Was erwartet ihr euch vom Austragungsort und welche Rolle spielt die Atmosphäre in der Halle?

Miriam: Die Hallen sind eigentlich überall gleich, ob das in Frankreich, Brasilien oder Aserbaidschan ist. Aber es macht schon einen Unterschied, wenn viele Zuschauer da sind, die dann auch noch judobegeistert und sachkundig sind. Es ist ein schönes Gefühl, das aufzusaugen und mitzunehmen, auch wenn die Leute nicht mich anfeuern.

Giovanna: Das sehe ich genauso, es ist toll, wenn die Leute etwas vom Judo verstehen. Wenn dann bei einem schönen Ippon ein Raunen durch die Ränge geht, dann löst das schon etwas in mir aus. Das ist cooler, als vor leeren Tribünen zu kämpfen.

Bei den Männern Aserbaidschans sind mit Richard Trautmann und Slavko Tekic zwei in Deutschland sehr gut bekannte Trainer in Verantwortung. Spielt das für euch als Team Deutschland eine Rolle?

Miriam: Für das Team macht das gar keinen Unterschied. Die beiden haben auch keinen Vorteil davon, dass sie unsere Männer so gut kennen, denn man kann heute jeden Kampf auf Video schauen und sich online auf alles vorbereiten. Ich persönlich freue mich immer, die beiden wiederzusehen. Slavko kenne ich noch gut aus meiner Anfangszeit in Hamburg, da ist es immer schön, mal ein bisschen miteinander zu sprechen und zu hören, wie es bei ihnen so läuft.

Giovanna: Vielleicht würden wir es auch anders sehen, wenn wir Männer wären, weil Richard die Männer auch betreut hat. Aber ich glaube, selbst für die spielt es keine Rolle, zumal auch aus der Zeit kaum noch einer dabei ist.

Der DJB geht mit neun Frauen und zwei Männern in die Einzelwettbewerbe der WM. Inwiefern spiegelt dieses Verhältnis das aktuelle Leistungsvermögen von Frauen und Männern wider?

Giovanna: Es ist zumindest kein Zufall, es liegt schon daran, dass die WM auf die Top 100 der Welt begrenzt ist, da fallen aktuell leider einige unserer Männer raus. Es gab in den vergangenen Jahren bei den Männern einige Trainerwechsel und einen ziemlichen Umbruch. Vielleicht müssten sie ein paar mehr Turniere auf europäischer Ebene kämpfen, um wieder mehr Punkte für die Rangliste zu sammeln. Mit Blick auf die Olympischen Spiele 2028 hoffen wir natürlich, dass es besser wird, denn wir wollen da auch im Mixed-Team-Wettbewerb eine Medaille holen.

Miriam: Bei der WM dürfen wir trotzdem ein gemischtes Team stellen, da dürfen drei zusätzliche Starter nominiert werden, was bei Olympia nicht geht. Für uns ist es deshalb kein Nachteil, dass wir im Einzel so besetzt sind. Wir freuen uns, dass wir mit einem kompletten Frauenteam an den Start gehen und die Nominierungskriterien geschafft haben. Bei den Männern sind es sicher mehrere Faktoren, an denen sie auch zu arbeiten versuchen. Aber es ist nie leicht, eine Lösung zu finden, die alle besser macht.

Ihr habt beide bereits eine WM-Medaille im Einzel gewonnen, Giovanna 2023 Silber, Miriam im vergangenen Jahr Bronze. Was bewirkt ein solcher Erfolg für das Selbstvertrauen?

Miriam: Klar ist es schön zu wissen, dass man einen solchen Erfolg schon einmal geschafft hat. Aber jeder Wettkampf beginnt bei null, man muss sich immer wieder neu erfinden, es kommen neue Gegnerinnen, neue Konstellationen. Man kann davon, dass man mal irgendwann eine WM-Medaille gewonnen hat, keine Rückschlüsse auf das aktuelle Turnier ziehen.

Giovanna: Im Moment des Triumphes bewirkt so eine WM-Medaille schon etwas, sie steigert das Selbstbewusstsein, man geht gestärkter in die nächsten Turniere. Aber sie ist kein Booster für ewig, das Mindset ändert sich dadurch nicht grundlegend. Judo ist dazu auch viel zu facettenreich und komplex, du weißt nie, was passiert.

„Gerade für junge Generationen kann Olympia etwas Besonderes sein“

DOSB: Herr Oberbürgermeister, wie war die erste Feier nach der Krönung Münchens zum Bewerber um Olympische und Paralympische Spiele?

Dominik Krause: In München wurde auf jeden Fall ordentlich gefeiert, im Alten Rathaus fand unser Public Viewing mit vielen Gästen aus der ganzen Stadtgesellschaft statt. Ich selber bin am späten Nachmittag noch zurückgefahren und hatte am Sonntagmorgen direkt wieder einen Termin auf der Wiesn – aber gefeiert wurde schon auch.

Mit ein wenig Abstand zum Trubel der Bewerbungsphase: Was hat aus Ihrer Sicht den Ausschlag dafür gegeben, dass sich das enge Evaluierungsergebnis auf den Punktzetteln der Delegierten nicht niedergeschlagen und München doch sehr deutlich gewonnen hat?

Wir haben beim Evaluierungsergebnis schon gesehen, dass die Verbände uns durch die Bank auf Platz eins gesetzt hatten. Insofern waren wir vorsichtig optimistisch, dass sich das auch bei der Abstimmung zeigen wird – was ja dann auch der Fall war. Und eigentlich war es schön, dass KölnRheinRuhr in der Evaluierung so nah an uns war. Das zeigt, dass es zwei hervorragende Konzepte für Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland gab.

Die European Championships 2022 werden oftmals als der Gamechanger angesehen, der es möglich gemacht hat, im Referendum eine Zweidrittelmehrheit für die Bewerbung zu erreichen. Welche Rolle ordnen Sie diesem Großereignis vor vier Jahren zu?

Wir werden bis heute auf die EC 2022 angesprochen, auf diese tolle Stimmung in der Stadt. Nach Corona war es das erste große Event in München. Viele Sportlerinnen und Sportler hatten damals so viel Publikum wie noch nie. Und natürlich hat auch die hervorragende Organisation durchaus Eindruck gemacht und gezeigt: München kann solche Sportgroßereignisse hervorragend umsetzen. Und man muss auch sagen: Ein bisschen war das Konzept damals ja schon ein Vorgriff auf Paris 2024 – auch bei den EC hatten wir die Sportarten auf ikonischen Plätzen in der Stadt stattfinden lassen.

Wie haben Sie den Bewerbungsprozess und die Zusammenarbeit mit dem DOSB bis dato erlebt, was hat Ihnen gefallen, was wäre zu verbessern?

Die Zusammenarbeit war stets partnerschaftlich und wir wussten immer, was seitens des DOSB gefordert ist. Jetzt wollen wir gemeinsam mit Freistaat, Bund und DOSB die nächsten Schritte gehen.

Wenn Sie eine Person aus dem Münchner Bewerbungsteam mit einer Goldmedaille auszeichnen könnten, die sich im bisherigen Prozess besonders hervorgetan hat, wer wäre diese Person und warum?

Das war und ist eine Teamleistung! Aber ein gutes Team hat immer auch einen tollen Kapitän, und das ist bei uns Michael Asbeck, der die Bewerbung von Anfang an inhaltlich hervorragend durchgeführt hat. Aber mein Dank gilt wirklich dem ganzen Team der Bewerbung, das war sehr viel Arbeit.

Sie werden sicherlich schon oft gefragt worden sein und noch viel öfter gefragt werden, warum das Münchner Konzept siegfähig ist. Was sind die drei wichtigsten Kernpunkte Ihrer Antwort?

Wir haben unser olympisches Erbe seit 1972 bewahrt und weiterentwickelt, der Olympiapark ist ein lebendiger Teil dieser Stadt. Wir setzen im neuen Konzept klar auf One Village, haben extrem kurze Wege. Und natürlich besitzen München und Bayern hohe internationale Strahlkraft. Das sieht man auch daran, dass wir den Zuschlag für die Leichtathletik-WM 2031 bekommen haben. Im Moment findet in München mit der Wiesn das größte Volksfest der Welt mit sechs Millionen Besucherinnen und Besuchern statt. Die Organisation von großen Veranstaltungen liegt uns einfach.

Worin sehen Sie in den kommenden Monaten und Jahren den größten Optimierungsbedarf, um nun auch dem IOC die Münchner Bewerbung schmackhaft zu machen?

Darum wird es jetzt gehen, dass wir gemeinsam mit dem DOSB zusammen einen Fahrplan entwickeln und genau diese Punkte definieren.

Warum Sportentwicklung und Kommunalentwicklung zusammengehören

Eine Turnhalle, deren Sanierung seit Jahren wartet. Ein Vereinsheim, in dem Ehrenamtliche nach Feierabend zusammensitzen und Trainingszeiten, Finanzen und die nächste Veranstaltung organisieren. Eine Schule, die für den Ganztag Partner sucht. Eine öffentliche Fläche, auf der Kinder, Jugendliche und Erwachsene Bewegung erleben können – unabhängig davon, ob sie einem Verein angehören. Sportentwicklung wird an solchen Orten konkret.

Und genau dort entscheidet sich auch, wie ernst wir es mit vielen großen Zielen meinen: mit mehr Bewegung und Gesundheit, mit Teilhabe und Bildung, mit guten Bedingungen für freiwilliges Engagement, mit lebendigen Quartieren und gesellschaftlichem Zusammenhalt.

Deshalb ist die Kooperationsvereinbarung, die der Deutsche Olympische Sportbund, der Deutsche Städtetag, der Deutsche Städte- und Gemeindebund und erstmals auch der Deutsche Landkreistag am 25. September in Baden-Baden unterzeichnet haben, für mich mehr als eine institutionelle Vereinbarung. Sie beschreibt eine Überzeugung, die meine Arbeit als Sportentwicklerin prägt: Wenn wir den Sport in Deutschland stärken und seine gesellschaftliche Kraft entfalten wollen, müssen wir dort ansetzen, wo beides jeden Tag geschieht: vor Ort. In unseren Vereinen. In Turnhallen und auf Sportplätzen. In Schulen und Ganztagsangeboten. In Quartieren, Städten, Gemeinden und Landkreisen. Sportentwicklung und Kommunalentwicklung lassen sich deshalb nicht voneinander trennen.

Zusammenhalt hat eine Adresse

Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Vertrauen und die Erfahrung, gemeinsam etwas gestalten zu können, sind keine Selbstverständlichkeiten. Gesellschaftliche Entwicklungen machen auch vor der Tür eines Sportvereins nicht halt. Vereine sind keine Inseln außerhalb gesellschaftlicher Konflikte. Sie sind Resonanzräume dessen, was uns als Gesellschaft beschäftigt. Gerade darin liegt ihre besondere Möglichkeit – und ihre Verantwortung.

Im Sport begegnen sich Menschen mit unterschiedlichen Biografien, sozialen Voraussetzungen und Überzeugungen. Dann gilt es, miteinander etwas sehr Konkretes zu tun: eine Mannschaft zu bilden, Trainingszeiten zu organisieren, Regeln einzuhalten, Verantwortung zu übernehmen oder gemeinsam ein Vereinsleben zu gestalten. Das schafft nicht automatisch Demokratie. Und Sport erzeugt auch nicht automatisch Zusammenhalt. Sport kann solche Erfahrungen ermöglichen, wenn seine Räume offen sind, Menschen respektvoll miteinander umgehen, Teilhabe tatsächlich möglich ist und gemeinsame Werte nicht nur in Satzungen stehen, sondern gelebt werden.

Und diese Räume haben eine Adresse. Dort entscheidet sich, ob eine Sportstätte erreichbar ist. Ob eine Halle saniert wird. Ob ein Verein Partner einer Schule sein kann. Ob eine öffentliche Fläche Bewegung ermöglicht. Ob Ehrenamtliche Unterstützung erfahren oder an Verfahren verzweifeln. Ob Sportangebote für möglichst viele Menschen zugänglich sind.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht in abstrakten Strategien. Er entsteht – oder erodiert – in konkreten Lebensräumen. Deshalb ist die Partnerschaft zwischen Sport und Kommunen für mich weit mehr als eine sportorganisatorische Frage. Sie berührt unmittelbar die Frage, wie wir unsere Städte, Gemeinden und Landkreise lebenswert gestalten.

Wir beginnen dabei keineswegs bei null. Schon 2008 haben DOSB, Deutscher Städtetag und Deutscher Städte- und Gemeindebund mit ihrer damaligen Kooperationsvereinbarung einen wichtigen und für die Zeit beispielgebenden Schritt getan. Die Partnerschaft von organisiertem Sport und Kommunen wurde damit früh strategisch beschrieben.

Zugleich müssen wir selbstkritisch feststellen: Es ist uns in den fast zwei Jahrzehnten seitdem nicht ausreichend gelungen, diese Zusammenarbeit dauerhaft mit der notwendigen Kontinuität und Verbindlichkeit zu füllen. Genau deshalb musste die neue Vereinbarung über eine bloße Fortschreibung hinausgehen. Sie ist kompakt, konkret und stark auf gemeinsames Handeln ausgerichtet – mit klaren Zielrichtungen und einem verbindlicheren Arbeitsmodus. Denn entscheidend ist, was daraus entsteht.

Es gibt nicht die eine Kommune – und nicht die eine Lösung

Ein wesentlicher Fortschritt der neuen Vereinbarung ist auch, dass der Deutsche Landkreistag erstmals Teil des Bündnisses ist. Damit ist die gesamte Breite der kommunalen Spitzenverbände vertreten. Das ist sportentwicklungspolitisch relevant. Denn die Herausforderung einer Großstadt kann darin liegen, knappe Flächen für Sport und Bewegung zu sichern. In einer kleinen Gemeinde steht vielleicht die Zukunft der einzigen Sporthalle im Mittelpunkt. In einem ländlich geprägten Landkreis kann entscheidend sein, ob Menschen ein Sportangebot überhaupt in vertretbarer Zeit erreichen.

Demografische Entwicklung, finanzielle Möglichkeiten, Mobilität, Vereinslandschaften und Infrastruktur unterscheiden sich erheblich. Deshalb brauchen wir keinen Rahmen, der diese Unterschiede einebnet. Wir brauchen einen Rahmen, der gemeinsames Handeln trotz unterschiedlicher Ausgangslagen ermöglicht. Genau darin liegt für mich die Stärke dieser Kooperation: Sie verbindet einen gemeinsamen politischen Anspruch mit der notwendigen Offenheit für unterschiedliche  Lösungen vor Ort.

Sport und Bewegung gehören zur kommunalen Daseinsvorsorge

Dazu gehört auch ein Satz, den wir selbstbewusst formulieren sollten: Sport und Bewegung gehören für uns zur kommunalen Daseinsvorsorge. Damit ist nicht gemeint, dass jede sportliche Leistung künftig von Kommunen erbracht werden soll. Gemeint ist, dass Bewegung, Sport und ihre Infrastruktur elementare Bestandteile lebenswerter Städte, Gemeinden und Landkreise sind. Sportvereine sind weit mehr als Anbieter organisierter Freizeit. Sie schaffen Bewegung und Gesundheit, eröffnen Bildungsgelegenheiten, ermöglichen Engagement und Zugehörigkeit und sind vielerorts ein wichtiger Teil der sozialen Infrastruktur.

Gerade deshalb müssen wir vorsichtig sein, wenn wir ihnen immer neue gesellschaftliche Aufgaben zuschreiben. Wenn ein Sportverein Bildungsort, Gesundheitspartner, Integrationsakteur, Anbieter im Ganztag und zugleich weiterhin einfach ein guter Sportverein sein soll, dann müssen wir auch über die Bedingungen sprechen, unter denen insbesondere ehrenamtlich getragene Organisationen all das leisten können.

Wer Engagement will, muss Engagement möglich machen. Wer Vereine als Partner braucht, muss sie partnerschaftlich behandeln. Und wer ihnen zusätzliche Aufgaben zutraut, muss Bürokratie, Finanzierung, Räume und Qualifizierung mitdenken.

Zehn Handlungsfelder – eine gemeinsame Aufgabe

Die Vereinbarung umfasst deshalb bewusst eine große inhaltliche Spannweite: Sportinfrastruktur und öffentliche Räume; Bildung, Ganztag und Sozialraum; Gesundheit und Prävention; Ehrenamt und freiwilliges Engagement; Zukunftsstrukturen im Sport; Umwelt, Klimawandel und Klimaschutz; Teilhabe und Diversity; Sportveranstaltungen; Wettkampf- und Leistungssport sowie gesellschaftlicher Zusammenhalt.

„Ein guter Start in einen Marathon bedeutet nicht automatisch eine Bestzeit“

DOSB: Michael, der nationale Auswahlprozess ist abgeschlossen. Welche Emotionen waren bei dir vorherrschend, als am Samstag in Baden-Baden München als deutscher Kandidat verkündet wurde?

Michael Mronz: Vor allem Freude über ein starkes Zeichen der Geschlossenheit. Sport, Wirtschaft und Politik haben – unabhängig vom finalen Kandidaten München – in Baden-Baden gemeinsam unter Beweis gestellt, dass sie hinter der Bewerbung stehen. Nicht nur München, ganz Deutschland will die Spiele. Das war das Signal, das aus der Olympischen Stadt Baden-Baden in die Welt gesendet wurde. Aber diese Freude ist mittlerweile schon wieder einer positiven Anspannung gewichen, denn der internationale Wettbewerb nimmt jetzt erst so richtig Fahrt auf. 

Wie zufrieden bist Du mit der Auswahl der Delegierten?

Der DOSB hat mit dem Prozess der vergangenen Jahre eine sehr gute Grundlage für die Entscheidung von Baden-Baden gelegt. Gemeinsam mit den Bewerbern wurden vier Konzepte mit unterschiedlichen Stärken entwickelt, die allesamt ein sehr hohes internationales Niveau haben. Schlussendlich standen zwei davon zur Wahl. Die Delegierten haben sich mit deutlicher Mehrheit für München und somit für die kompakte Lösung entschieden. Neben dieser besonderen Kompaktheit, die vor allem in mehr als 90 Prozent der Athletinnen und Athleten in einem zentralen Olympischen Dorf sowie sehr kurzen Reisezeiten zu den Venues zum Ausdruck kommt, bringt das Münchener Konzept weitere Dinge mit, die in der weltweiten Olympischen Bewegung positiv zur Kenntnis genommen werden dürften. Alle Sportstätten sind vorhanden oder temporär und ermöglichen ein Ticketpotenzial von 15,3 Millionen Eintrittskarten. Hinzu kommt diese besondere Legacy der Spiele von 1972. Aber es gibt auch noch ein paar Punkte, an denen wir in den kommenden Monaten gemeinsam feilen müssen...

Zum Beispiel?

Wir müssen ein internationales Narrativ entwickeln, das dem gesamtdeutschen Anspruch der Bewerbung gerecht wird. Bei aller internationalen Strahlkraft Münchens geht es darum, der Welt aufzuzeigen, was Deutschland mit den Spielen erreichen will. Was ist die Geschichte, die wir der Welt mit den Spielen erzählen wollen, was bringen Spiele in München der Olympischen Bewegung weltweit? Und das möglichst bald. Aber ich bin überzeugt, dass wir das können. Ich bin deshalb dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder sehr dankbar, dass er direkt nach der Verkündung darauf hingewiesen hat, welch hohe Verantwortung München und der Freistaat Bayern durch diese Entscheidung jetzt für unser Land haben. Dass es vorrangig nicht um eine bayerische, sondern um eine deutsche Veranstaltung geht. Dennoch ist es wichtig, dass der weitere Prozess unter der Federführung des DOSB und der Stadt München auch beim Freistaat und der Bundesregierung eine Chefsache bleibt.

Nun fragen sich natürlich viele am Sport Interessierte, wie es weitergeht mit der deutschen Bewerbung. Was sind international die nächsten Schritte? 

Der DOSB befindet sich bereits seit November des vergangenen Jahres im sogenannten kontinuierlichen Dialog mit dem IOC, wir sind seither offizieller Interessent für die Ausrichtung der Spiele 2036, 2040 oder 2044. Jetzt, da wir mit München eine Stadt ausgewählt haben, geht es intensiv weiter mit der Arbeit. Auf hauptamtlicher Ebene gibt es schon in den kommenden Wochen zahlreiche Workshops, und noch in diesem Jahr müssen wir das Konzept inklusive vieler Details meinen IOC-Kolleg*innen in der Future Host Commission präsentieren. Im Frühjahr 2027 wird das IOC dann entscheiden, welche Bewerber in den neu geschaffenen Strategic Dialogue aufgenommen werden. Diese strategische Phase soll den Austausch zwischen dem IOC und Bewerbern weiter vertiefen, auch um eine möglichst hohe Passfähigkeit mit den IOC-Zielen zu schaffen. 

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