Neues aus Sportdeutschland
„Deutschland könnte es, sogar sehr gut, aber...“
Ende November erreichte eine E-Mail die Pressestelle des DOSB. Günter Deister, bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2006 31 Jahre lang Leiter des Sportressorts der Deutschen Presse-Agentur, musste seine Zusage für ein persönliches Gespräch mit dem DOSB über seine Erlebnisse mit der deutschen Sportpolitik zurückziehen, weil eine spontane Operation ein Treffen unmöglich machte. Doch weil der Träger der DOSB-Ehrennadel auch im Alter von 85 Jahren nicht nur das Sportgeschehen weiter rege verfolgt, sondern auch an der für ihn typischen Disziplin und Arbeitseinstellung nichts eingebüßt hat, erklärte er sich nach Genesung bereit, einige Fragen schriftlich zu beantworten. Anlässlich des 75. Gründungstags des Deutschen Sportbundes (DSB), aus dessen Fusion mit dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) 2006 der DOSB hervorging und der an diesem Mittwoch in Hannover mit einem Festakt gewürdigt wird, sind Deisters Denkanstöße nun doch zugänglich – was für ein Glück!
DOSB: Herr Deister, Sie haben die deutsche Sportpolitik über viele Jahre journalistisch begleitet. Welche Phase haben Sie als die prägendste für die Entwicklung des Sports in Erinnerung?
Günter Deister: Natürlich die äußerst schwierige Vereinigung von DSB der Bundesrepublik und DTSB der DDR nach der Wende, die eigentlich keine Vereinigung zuzulassen schien: wegen Unvereinbarkeit. Einerseits der westliche Sportbund mit dem Bemühen, aus der Vielzahl seiner Verbände und Vereine ein breites Sportangebot zu schaffen. Spitzensport auch, aber vor allem Sport in der Breite. Auf der anderen Seite die staatliche Hochrüstung von Sporteliten mit allen Mitteln, um im Kampf der Systeme Überlegenheit darzustellen.
Die Wiedervereinigung galt für den Sport in Deutschland als großer Gewinn. Was wurde dabei gut, was schlecht umgesetzt?
Den Gewinn spüre ich noch heute, wenn ich an den Einmarsch des vereinten Teams bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona denke: Gänsehaut und Freudentränen bei einem, der in der DDR geboren wurde, den die Eltern mit elf Jahren in die Bundesrepublik geschickt haben, in der Erwartung eines besseren Lebens dort. Nach Barcelona begann die Mühsal der Vereinigung zweier extremer Sportsysteme. Gut war dabei die Abkehr des Siegenmüssens um jeden Preis als eine Art von Demokratisierung des Spitzensports. Verbunden allerdings mit dem Versäumnis, die Werte und Möglichkeiten, die ein erfolgreicher Spitzensport gesamtgesellschaftlich bewirken kann, nicht ausreichend genutzt zu haben.
Die Fusion von NOK und DSB zum DOSB wird bis heute von manchen kritisch gesehen. Welche Meinung haben Sie dazu?
Die Fusion war der notwendige Versuch, aus den Erfahrungen und Bedingungen eine Lehre zu ziehen. In ihrer Endphase stellten sich DSB und NOK nicht als Partner dar, sondern als Konkurrenten, die um Zuständigkeiten, Vorrechte, Privilegien und Einkünfte kämpften. Thomas Bach gewann diese Auseinandersetzung gegen den damaligen NOK-Präsidenten Walther Tröger mit dem Argument, dass der olympische Sport nur durch das Bündnis aller sportlichen Organisationen Kraft genug finden könnte. Für Anerkennung und Behauptung und als die Stimme des Sports in einer Partnerschaft mit Politik und anderen gesellschaftlichen Organisationen. Übersetzt auf die Gegenwart: Nicht NOK oder DSB entscheiden über eine Olympiabewerbung, sondern der DOSB als vereinte Organisation des deutschen Sports.
Das IOC hat insbesondere in Deutschland einen schweren Stand. Welche Kritik an ihm ist berechtigt, welche überzogen?
Eine schwierige Frage, weil sie hierzulande von einigen Medien immer in einen Zusammenhang mit Thomas Bach gebracht wurde, dem angeblichen Putin-Freund und Verkäufer olympischer Werte. Daran ist so viel richtig, dass der 2013 mit großer Mehrheit ins IOC-Präsidentenamt gewählte Bach ein Nothelfer für Putin war, um mit massiver Unterstützung westlicher Unternehmen die drohende olympische Katastrophe eines Ausfalls der Winterspiele 2014 in Sotschi zu verhindern. Dafür musste Putin seriös geschätzte 50 Milliarden Dollar aufbringen. Putins Ersuchen, die Spiele am Ende als die „bisher besten“ auszurufen, verweigerte Bach. Er bezeichnete sie in seiner Schlussrede lediglich als „außergewöhnlich“. Verständlich war die Kritik an Bach bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro 2016. Dort hatte er den internationalen Verbänden das Sanktionsrecht für den aufgedeckten, beispiellosen systematischen russischen Dopingbetrug bei den Sotschi-Spielen weitgehend übertragen. Zum Gesamtbild zählen Bachs Abschiedsspiele in Paris als überaus gelungenes Finale und als Vermächtnis seiner Agenda: Spiele in einer großartigen Stadtkulisse, Spiele erstmals der Geschlechtergleichheit unter reduzierter Teilnehmerzahl und in Mixed-Wettbewerben. Und Spiele, die das IOC aus seinen eigenen Mitteln mit bis zu 1,8 Milliarden Dollar subventioniert hat. Auch diese Zahl ist ein Hinweis: Ideen und Ideale sind das eine, doch es bedarf auch der ökonomischen Kraft, um sie durchzusetzen.
Wie nehmen Sie heute aus der Perspektive eines Kenners der deutschen Sportpolitik den DOSB aus der Entfernung wahr?
Als einen Verband, der in schwierigen Zeiten gesellschaftlicher Veränderungen national und international besonders herausgefordert ist und seinen Kurs neu justieren muss. Das erfordert Standfestigkeit und Entschlossenheit. Aber auch die Suche nach neuen Wegen. Dabei besitzt der DOSB mit der Breite und Spitze des deutschen Sports ein riesiges Kapital. Er müsste es nur noch besser einsetzen. Dazu gehört, eine Olympiabewerbung zu organisieren mit Überzeugungskraft, Geschick und Selbstvertrauen. Die Idee von Olympischen Spielen in Deutschland umzusetzen hat nur dann eine Chance, wenn ein geeinter, führungsstarker Sport die Kraft entwickeln könnte für eine Partnerschaft mit Politik und Gesellschaft. Umgekehrt gilt auch: Der politische Zustand lässt zweifeln, ob der Staat befähigt ist für eine verlässliche Partnerschaft. Und ob er auch bereit wäre, in schwierigen Zeiten einen beträchtlichen Anteil an olympischen Kosten zu übernehmen.
Tessa Lange ist Sportlerin des Monats November
Mit gleich vier Medaillen bei den Deaflympics krönte Tessa Lange ihr Sportjahr - und wurde nun von den Sporthilfe-geförderten Athlet*innen mit 44,5 Prozent der Stimmen zur Sportlerin des Monats November gewählt. Die Leichtathletin des GTSV Essen überzeugte mit einem herausragenden Auftritt bei den Deaflympics in Tokio, der größten internationalen Multisportveranstaltung für Athlet*innen mit Hörbeeinträchtigung. Nach Bronze über 100 Meter und Silber über 200 Meter gewann sie gemeinsam mit der 4x100-Meter-Staffel Gold, bevor sie mit der 4x400-Meter-Staffel eine weitere Silbermedaille folgen ließ. Eine außergewöhnliche Leistung, die auch die Sporthilfe-geförderten Athlet*innen mit der Auszeichnung würdigten.
Bei der von der Sporthilfe durchgeführten Wahl stimmen - anders als bei Medien- oder Publikumswahlen - ausschließlich Deutschlands beste Nachwuchs- und Spitzenathlet*innen ab und verleihen der Auszeichnung damit ihre ganz besondere Bedeutung. Mit der Auszeichnung ist zudem eine Einladung zum Ball des Sports verbunden, der am 21. Februar 2026 in der Festhalle Frankfurt stattfindet.
Tessa Lange setzte sich bei der Wahl gegen Karate-Weltmeisterin Johanna Kneer (28,0 %) und Luftgewehr-Weltmeister Maximilian Dallinger (27,4 %) durch. Die Kampfsportlerin gewann bei den Karate-Einzel-Weltmeisterschaften in Kairo mit einem klaren Finalsieg Gold gegen die Weltranglistenzweite: Es war die erste WM-Einzel-Goldmedaille für eine deutsche Kumite-Athletin seit 2002. Sportschütze Maximilian Dallinger sorgte bei der WM in Kairo für eine Sensation, als er sich - als Nummer 26 der Welt angereist - zum Luftgewehr-Weltmeister krönte. Im packenden Finale behielt er die Nerven und sicherte sich mit dem letzten Schuss den Titel. Zusätzlich holte er Silber im Teamwettbewerb.
Für ihre herausragenden Leistungen waren die Athlet*innen von der Athletenkommission im DOSB, von SPORT1 und von der Sporthilfe für die Wahl nominiert worden.
Neue Zielstruktur für den organisierten Sport in Deutschland
Die 190 Delegierten, die 509 Stimmen auf sich vereinigten, beschlossen auf der 22. Mitgliederversammlung am Samstag, 6. Dezember, im Kap Europa in Frankfurt am Main einstimmig den nächsten Schritt in der strategischen Weiterentwicklung des organisierten Sports. Dieser war notwendig geworden, weil im Zuge der Überprüfung und Reflexion der Strategie 2028 erkannt wurde, dass es an klaren, messbaren Zielen fehlte, um die tatsächliche Wirksamkeit des DOSB und seiner Mitgliedsorganisationen transparent zu erfassen. Die neue Zielstruktur greift diese Lücke auf und schafft mit sechs kompakten, quantifizierten Zielen eine Grundlage für evidenzbasierte Steuerung und nachvollziehbare Fortschrittsmessung. Zugleich bleibt das Leitbild des DOSB unverändert bestehen.
DOSB beschließt weiteren Weg zur Olympiabewerbung
Der Weg bis zur Auswahl des Kandidaten für die deutsche Bewerbung um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele am 26. September 2026 in Baden-Baden ist geebnet. Das beschloss die 22. Mitgliederversammlung des DOSB im Kap Europa in Frankfurt am Main, bei der 190 Delegierte 509 Stimmen auf sich vereinigten, am Samstag, 6. Dezember, mit 99,79 Prozent. Michael Mronz (58), IOC-Mitglied und DOSB-Präsidiumsmitglied, betonte: „Wir sind mit dem Sport wieder in die Mitte der Gesellschaft gerückt. Wir haben die Chance, durch Olympia das Stimmungsbild in unserem Land zu verbessern. Der Sport ist eine der wichtigsten Achsen der Gesellschaft. Diese Geschlossenheit von Sport, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die wir in den vergangenen Monaten erreicht haben, ist die Basis des Erfolgs, national wie international.“
„Deutschland hat wieder Lust auf Olympia“
Manchmal hat man Glück und trifft genau die richtige Personalentscheidung. Vincent Kompany ist offenbar so eine, der Trainer von Bayern München. Oder Alex Mumbru, der Basketball-Bundestrainer. Oder Leonie Wagner, die Kanu-Polo-Bundestrainerin.
Der eine wurde Deutscher Meister und führt sein Team von Sieg zu Sieg. Der andere gar Europameister, auch weil er ein starkes Team um sich hatte, dass die Mannschaft auch ohne ihren schwer erkrankten Headcoach erfolgreich war.
Und Leonie Wagner führte die Frauen als Spielertrainerin zu einem souveränen World Games Sieg. Und dann gibt es die, die keine gefeierten Siege einfahren und keine Meisterschaften holen und dennoch sind sie Gold wert. Ich rede, Ihr ahnt es sicher schon, von niemand geringerem als von…Volker Bouffier. Herzlich Willkommen.
Gegen Ende 2024 befand sich der DOSB in einer angespannten Lage. Die Ampel-Regierung war gescheitert, auch für uns zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Schließlich hatten wir ambitionierte Pläne - nicht zuletzt, was die Olympischen und Paralympischen Spiele angeht. Zudem hatten wir uns von unserem Vorstandsvorsitzenden Torsten Burmester getrennt, der das Oberbürgermeister-Amt von Köln anstrebte. Und dann im September dieses Jahres zum OB von Köln gewählt worden ist. Herzlichen Glückwunsch, lieber Torsten, zu diesem Erfolg und alles Gute für diese neue Aufgabe.
In dieser besonderen Lage ist der Vorstand in die Presche gesprungen und hat den Laden am Laufen gehalten. Dafür gebührt Euch und Euren Teams, liebe Michaela, lieber Thomas, lieber Olaf und lieber Leon, unser herzlicher Dank. Euch zur Seite stand - wie schon erwähnt - Volker Bouffier. Einer, der Lust am Gestalten und am Sport hat. Und der dazu beigetragen hat, dass wir heute anders da stehen, als zur gleichen Zeit im letzten Jahr.
Und dann ist da auch noch Otto Fricke. Unser neuer Vorstandsvorsitzender im DOSB. Der mich schon in den ersten drei Monaten mit seiner Energie und positiven Art beeindruckt hat. Lieber Otto, ich finde, wir haben mit Dir einen guten Fang gemacht.
Drei Dinge, vor allem, haben wir in diesem Jahr gemeinsam erreicht:
Erstens: Wir haben erstmals in der Geschichte unseres Landes eine Sport-Staatsministerin im Bundeskanzleramt. Dr. Christiane Schenderlein.
Zweitens: Wir sind 29,3 Millionen! So viele Menschen wie noch nie sind Mitglied in einem deutschen Sportverein!
Und drittens und das mit Abstand stärkste Signal: Wir haben durch das erfolgreiche Bürgervotum in München zu einer Bewerbung um Olympische und paralympische Spiele viele vor Ort, uns selbst auch ein wenig und international sowieso – positiv überrascht!
„Der Erfolg hat immer viele Väter“ haben Sie, lieber Volker Bouffier, selbst gerne betont. Ich würde „und Mütter“ ergänzen. Lieber Volker Bouffier, dass wir Ihnen schon 2023 die Ehrenmedaille des DOSB verliehen haben, war damit also auch im Nachhinein goldrichtig! Einer Ihrer vielen Sätze, die bei mir nachhallen, ist Folgender: „Gemeinsamkeit schaffen und eine große Idee skizzieren.“ Volker, Sie haben ein „und“ zwischen „Gemeinsamkeit“ und „Idee“ gestellt. Aber ich finde: „Gemeinsamkeit schaffen“, das allein ist schon eine große Idee. Und dieser möchte ich mich heute besonders widmen.
Gemeinsamkeit schaffen, um das vorneweg zu sagen, bedeutet für mich nicht Friede, Freude, Eierkuchen.
Unter Menschen ist es nun mal so: Je mehr Menschen zusammenkommen, desto eher kommt es zu Uneinigkeiten. Schon Familien sind nicht frei davon. Erst recht nicht Vereine.
Und wie sollte es da einem Verband mit 102 Mitgliedsorganisationen und mehr als 29 Millionen Mitgliedschaften gehen? Ist doch klar, dass da unterschiedliche Meinungen und Ideen aufeinander prallen. Und die will ich, die wollen wir auch nicht wegdrücken. Was wir aber wollen: im Geiste einer Gemeinschaft mit unterschiedlichen Meinungen demokratisch umgehen. Vertrauensvoll und fair. Lösungsorientiert und so, dass wir uns jederzeit in die Augen schauen können. So wie wir es alle von Sportlerinnen und Sportlern erwarten.
Ist doch so, oder? Auch 2025 haben wir wieder gesehen, dass das nicht immer einfach ist. Es gab an mancher Stelle Unruhe und das Wort „Verbandsautonomie“ wurde viel oder besser überstrapaziert.
Keine Sorge, es kommt jetzt keine Rechtfertigungsarie. Denn das würde gerade keine Gemeinsamkeit schaffen.
Aber ich möchte doch klarstellen, was ich, was der DOSB unter Verbandsautonomie versteht: jede unserer Mitgliedsorganisationen ist eigenständig und verantwortlich für die eigenen Verbandsgeschäfte. Dafür, dass diese innerhalb des rechtlichen Rahmens ausgeführt werden. Dafür, dass Athletinnen und Athleten ihrem Sport nachgehen können, sich sicher fühlen, und sich keine Sorgen machen müssen, ob sie noch zum nächsten Wettkampf reisen können. Wir alle erwarten, dass genau dafür gesorgt wird! Und wir, der DOSB, bieten euch dafür Unterstützung an, Orientierung, Hilfestellungen. Wir lassen euch nicht alleine, aber ihr müsst diese Angebote auch nutzen! Wir können und wollen nicht einfach so durchgreifen. Es gab Zeiten in Deutschland, in denen das so war, aber dahin will doch hier in diesem Saal keiner zurück.
So funktioniert Gemeinsamkeit eben nicht!
Zugleich müssen wir alle mit diesen Freiheiten verantwortungsvoll umgehen, und immer das Wohl derer im Blick haben, die uns anvertraut sind: das der Athletinnen und Athleten. Denn Gemeinsamkeit schaffen, bedeutet eben auch, in einer Gemeinschaft nicht alle einfach machen zu lassen. Sondern stets das große Ganze im Auge zu behalten.
Wie sieht es mit der Gemeinsamkeit bezüglich unseres riesig großen Themas aus? Olympische und Paralympische Spiele.
Was sich leicht festhalten lässt: Wir alle hier stehen hinter Olympia in Deutschland. Ausnahmslos. Einig und stark. Jetzt gibt es manche, die kritisieren, dass Bayern vorgeprescht sei. Aber Gemeinsamkeit schaffen, heißt nicht Gleichheit, heißt nicht, dass man nicht vorangehen darf, wenn es im Interesse aller ist. Die Bayern und die Münchener haben ihr Herz in die Hand genommen und ruckzuck mit dem Bürgerentscheid losgelegt. Und zwar überaus erfolgreich. Mit einer beeindruckenden Wahlbeteiligung und einem überragenden Ergebnis.
Herzlichen Glückwunsch, lieber Jörg Ammon, lieber Dieter Reiter, lieber Markus Söder.
Ich finde, wir alle haben etwas davon. Weil wir jetzt wissen, dass es in unserem Land reale Mehrheiten für Olympische und Paralympische Spiele gibt. Diese 66,4 % sind nach den Erfahrungen der Vergangenheit und der allgemeinen Verzagtheit der Gesellschaft geradezu ein Befreiungsschlag. Und die Welt um uns herum hat es aufmerksam registriert.
Deutschland, das lässt sich jetzt schon sagen, hat wieder Lust auf Olympia. Das wird sich, so glaube ich, auch bei den Volksentscheiden in Hamburg und in der Rhein-Ruhr-Region beweisen. Und ich bin mir sicher, Berlin wird auch ohne Volksentscheid ein beeindruckendes Statement für Olympia abgeben. Aus vier sehr starken Bewerbungen wird am Ende die stärkste als Sieger hervorgehen. Und wer das schafft, hat auch international gute Chancen, die Olympischen und Paralympischen Spiele nach Deutschland zu holen. Nicht nur für sich. Sondern für ganz Deutschland.
So geht Gemeinschaft!
Jetzt gibt es Einige, die beklagen, wie lange der demokratische Prozess dauert. Wie der genaue Weg bis zu dieser Entscheidung aussehen soll, wird später sicher noch beschlossen.
Dabei geht es um Vergleichbarkeit und Nachvollziehbarkeit. Und am Ende geht es darum, eine Entscheidung zu treffen, hinter der wir alle uns versammeln können, hinter der sich das ganze Land versammeln kann. Gemeinschaftlich. Wie weit wir dabei schon sind, zeigt auch das Beispiel unserer nationalen Kampagne „Dafür sein ist alles“, die wir im September gestartet haben. Alle sind eingeladen, den Weg zu Olympischen und Paralympischen Spielen in Deutschland mitzugestalten.
Für diesen Weg haben wir Stand heute schon mehr als 30 deutsche Unternehmen gewinnen können. Sie alle stellen sich gemeinsam hinter dieses Ziel. Das ist beispiellos.
So sieht Gemeinsamkeit aus.
Wir sind gerade dabei, Sport und Wirtschaft so eng zu verknüpfen wie nie. Bei der Olympiabewerbung gilt das ausdrücklich auch für die Politik. Am Donnerstag hat der Bundeskanzler gemeinsam mit den beteiligten Ministerpräsidenten und mir als Präsident des DOSB mit der Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding ein deutliches Zeichen für die Spiele gesetzt. Auch international sind wir gemeinsam unterwegs.
Diese Bewerbung ist die gemeinschaftliche Bewegung, die Deutschland jetzt braucht!
Wie großartig wäre es, wenn wir von dieser Gemeinsamkeit auch bei den anderen Themen des Sports und ihrer gesellschaftlichen Strahlkraft sprechen könnten? Um das zu erreichen haben wir uns vor der Bundestagswahl für das Amt einer Sport-Staatsministerin ausgesprochen. Nicht, weil wir mit Nancy Faeser als damals zuständige Innenministerin unglücklich gewesen wären. Aber so ein Amt frisst natürlich unglaublich Energie und man hat als Innenministerin auch noch anderes zu tun, als sich primär um den Sport zu kümmern.
Sie, liebe Frau Dr. Schenderlein, wollen nun mit ungeteilter Kraft etwas für den Sport bewegen. Das begrüßen wir nicht nur, das haben wir und werden wir tatkräftig unterstützen.
Aber bitte tun sie es MIT dem Sport und nicht ohne ihn und bitte nie gegen ihn. Wir sind die größte Bürgerbewegung des Landes:
29 Millionen Mitgliedschaften in 86.000 Vereinen! Wir sorgen für Bewegung, Gesundheit, und Gemeinschaft.
Wir sind mehr als 8 Millionen Ehrenamtliche.
Wir sind ein Grundpfeiler unserer demokratischen Gesellschaft.
Unsere Athletinnen und Athleten sind echte Vorbilder und Inspiration.
Deshalb mein Appell an Sie und die Bundesregierung: nutzen Sie gemeinsam mit uns die Kraft des Sports! Denn nur gemeinsam können wir die großen Herausforderungen, die anstehen, meistern! Es ist zwar gut, dass Ernst gemacht wird mit einem Sportfördergesetz, das wir schon länger fordern. Einem Gesetz, das den Spitzensport in Deutschland wieder an die Weltspitze führen soll.
Allerdings drängt sich der Eindruck auf, die Regierung wolle bei dieser Problematik durchregieren können. Bei der geplanten Gründung der Spitzensport-Agentur scheint sich die Exekutive eine deutliche Stimmenmehrheit gegenüber dem Sport sichern zu wollen, das Bundeskanzleramt gar einen Zustimmungsvorbehalt bei allen wesentlichen Entscheidungen, was nichts anderes ist als ein Veto Recht. Das bedeutet: ausgerechnet diejenigen, die am meisten vom Sport verstehen, haben, wenn es drauf ankommt, nichts zu entscheiden.
So sieht Gemeinsamkeit NICHT aus.
Und deswegen lehnen wir den Referentenentwurf in seiner vorgelegten Form ab. Auch, weil der in einer Vorversion vorhandene Verweis auf die Autonomie des Sports ausdrücklich gestrichen worden ist. Da hilft auch kein Verweis auf die Verfassung. Die Autonomie des Sports ist nicht verhandelbar und ich möchte die neue IOC-Präsidentin zitieren: "Autonomy of Sport means taking responsibility and freedom from political interference".
„Die Autonomie des Sports bedeutet Verantwortung zu übernehmen und frei von politischer Einflussnahme zu sein“.
Den deutschen Spitzensport auch im olympischen Sommersport wieder an die Weltspitze zu führen ist doch eine klar definierte Aufgabe. Uns ist bewusst, dass mit Steuergeldern sorgsam umgegangen werden muss. Als DOSB sind wir bereit die Unabhängigkeit einer sportfachlich geführten Agentur zu akzeptieren und aktuelle Kompetenzen abzugeben.
Aber natürlich erwarten wir dasselbe von der Sportabteilung im Bundeskanzleramt, um wirklich auf Augenhöhe agieren zu können. Ohne dabei die gemeinsame Steuerung der Agentur im besten Sinne von checks and balances aufzugeben.
Ambitionierte Ziele setzen wir uns auch über den Leistungssport hinaus: Wie es sich für uns vom DOSB gehört, fühlen wir uns dem Allgemeinwohl verpflichtet. Wir wollen dazu beitragen, das Leben für alle besser zu machen.
Und deshalb besteht eines unserer Ziele darin, dass sich Kinder und Jugendliche im Schnitt mindestens 90 Minuten pro Tag bewegen, Erwachsene mindestens 150 Minuten pro Woche.
Stellen Sie sich vor, wie sich das auf die Lebensqualität auswirkt. Es bedeutet: fitter, gesünder, sich einfach wohler in seiner Haut zu fühlen.
Und keine Angst, wir werden unsere Kinder nicht tracken und natürlich werden wir niemanden zwingen. Aber wir wollen ein Umfeld schaffen, das dazu einlädt, sich zu bewegen. Dabei wird auch die Deutsche Sportjugend eine wichtige Rolle spielen, die im Übrigen in diesem Jahr ihr 75-jähriges Bestehen feiert. Herzlichen Glückwunsch dazu!
Wir wollen außerdem erreichen, dass niemand länger als 15 Minuten vom Wohnort zu einem modernen Sportangebot braucht.
Ambitioniert? Ja. Machbar? Ja.
Jedenfalls dann, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Wenn wir alle es wollen. Wenn wir es alle ernsthaft versuchen. Gemeinschaftlich. Dabei helfen die mittlerweile für die kommenden Jahre beschlossenen 666 Millionen Euro des Bundes zur Sportstättenförderung. Und die weiteren 250 Millionen für Schwimmbäder. Vielen Dank, Frau Ministerin, vielen Dank, liebe Abgeordnete im deutschen Bundestag.
Aber auch da mein Appell: nutzen Sie die Expertise im Sport bei der Umsetzung des Programms, damit das Geld auch dort ankommt, wo es gebraucht wird: bei den Sportvereinen.
Ein erklärtes Ziel aber steht über allem. Und das ist das Ziel: „Sport für alle – sicher, willkommen und gesünder“.
Denn Sport lebt von Gemeinschaft. Und zu dieser Gemeinschaft gehören alle. Jede und jeder Einzelne. Und deshalb werden wir immer alles dafür tun, dass sich beim Sport alle aufgehoben fühlen.
So geht Gemeinschaft!
Unsere Aufgabe als DOSB ist: Alle mit dem gleichen Wohlwollen im Blick zu haben. Angefangen bei den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, über alle Kinder und Jugendliche, egal wo sie herkommen, all die unersetzlichen Ehrenamtlichen, die fantastischen Trainerinnen und Trainer, die nervenstarken Schiedsrichter, die Breitensportler, die Spitzensportler und sogar, wenn ich das sagen darf, wir Delegierte und Funktionäre.
Wir alle wollen ein erfülltes Leben. Wir alle streben nach Glück. Und dafür sollten wir uns gemeinschaftlich und sportlich fair die Hand reichen. Dazu strecke ich meine aus.
Vielen Dank.
+++ Es gilt das gesprochene Wort +++

