Neues aus Sportdeutschland
„Für mich war immer klar: Wenn das Spiel beginnt, sind alle gleich“
Seine Abschiedstour ist längst angepfiffen. Anfang März gab Patrick Ittrich bekannt, seine Karriere als Schiedsrichter im Profifußball zum Ende der laufenden Saison aufgeben zu wollen. „Ich war oft verletzt und habe mich immer wieder herangekämpft. Nun bin ich seit Monaten fit, erfahre eine tolle Resonanz auf meine Spielleitungen – das ist vielleicht der beste Zeitpunkt, um aufzuhören“, sagt der 47-Jährige, der am vergangenen Sonntag das Drittliga-Spitzenspiel zwischen dem VfL Osnabrück und Energie Cottbus leitete. Der meinungsstarke und allseits für seine menschliche Art der Spielleitung geschätzte Hamburger wird dem Fußball fehlen; seinen Blick auf wichtige Themen des Sports und der Gesellschaft wird man aber nicht missen müssen. Einen Monat vor dem Trikottag im DOSB, mit dem wir am 13. Mai zum vierten Mal auf die Kraft des Ehrenamts in Sportvereinen aufmerksam machen, spricht der Polizeioberkommissar über seine Erfahrungen mit dem Schiedsrichterwesen und darüber, was ihn sein Hobby für das Leben gelehrt hat.
DOSB: Patrick, welches Trikot wirst du am 13. Mai tragen?
Patrick Ittrich: Ich habe mich noch nicht entschieden. Als Schiedsrichter muss ich ja stets darauf achten, dass mir niemand die Neutralität abspricht und man mir eine Parteinahme übelnehmen könnte. Aber vielleicht trage ich tatsächlich ein Trikot meines Hamburger Heimatvereins Mümmelmannsberger SV, wenn ich eins finde, das mir noch passt. Meine Jugendtrikots sind leider ein bisschen zu klein geworden.
Als Schiedsrichter tragt ihr ja auch ein Trikot, seid wahrscheinlich sogar das größte Team Deutschlands. Gibt es ein Teamgefühl unter den Schiedsrichtern?
Das gibt es auf jeden Fall. Im Kleinen besteht dieses Team aus dem Schiedsrichter und seinen Assistenten. Natürlich ist es so, dass, je höher man aufsteigt, die anderen Schiedsrichterteams zu Konkurrenten darum werden, wer das attraktivste Spiel des Wochenendes leiten darf. Man kann uns deshalb in der Gesamtheit nicht unbedingt als eine große Mannschaft begreifen. Aber es ist doch so: Wenn ein Schiedsrichter eine falsche Entscheidung trifft, wird es oft auf die Gesamtheit der Schiedsrichter umgebrochen. Deshalb habe ich stets versucht, auf eine gute Kameradschaft untereinander zu achten und die Konkurrenz nicht ausufern zu lassen. Wir Schiedsrichter sitzen alle in einem Boot.
Gilt das nur für den Fußball oder sportartenübergreifend? Gibt es einen Austausch zwischen Schiedsrichtern, aus dem ihr gegenseitig lernen könnt?
Ich habe vor einigen Jahren privat ein solches Netzwerk initiiert, mit eigenem Podcast und anderen Formaten, weil ich großes Potenzial darin sehe, sich sportartenübergreifend auszutauschen. Ich habe von diesem Netzwerk sehr profitiert, denn man kann sehr viel aus den Erfahrungen in anderen Sportarten lernen. Schauen wir nur auf das Thema Videoassistent. Da sind einige andere Sportarten, wie zum Beispiel Hockey, Eishockey oder American Football, viele Jahre weiter. Sie haben allerdings auch unterschiedliche Regelwerke, so dass man die Sportarten nicht eins zu eins miteinander vergleichen kann. Dennoch gibt es einige Aspekte, die auch auf den Fußball übertragbar sind. Ich glaube, wir müssten diesen Austausch noch viel intensiver suchen, da liegen eine Menge Chancen auf der Straße, die wir nur aufzusammeln bräuchten.
Der Trikottag macht auf die Bedeutung des Ehrenamts im Sportverein aufmerksam. Schiedsrichterei wird ja gemeinhin schon von Beginn an vergütet. Warum fühlt es sich auf unteren Ebenen dennoch wie ein Ehrenamt an?
Weil es keine Vergütung, sondern maximal eine Aufwandsentschädigung ist, die man im Amateurbereich erhält, und der ist ja mit Abstand der größte Teil, in dem Schiedsrichter ihr Amt ausüben. Man muss beachten, dass eine Spielleitung immer mit Arbeit und auch finanziellem Aufwand verbunden ist. Es braucht eine Vorbereitung, man muss sich die Ausrüstung selber anschaffen, muss sich fortbilden. Auf jeden Fall sollte allen, die mit der Schiedsrichterei beginnen, klar sein: Es ist ein Ehrenamt, ein Hobby, die allerwenigsten werden es zu ihrem Beruf machen. Und deshalb muss es auch Spaß machen!
Schiedsrichter müssen unparteiisch sein, haben aber natürlich alle einen Heimatverein, möglicherweise auch einen Lieblingsverein. Wie hast du es geschafft, diese Diskrepanz zu überbrücken und die Unparteilichkeit zu deinem Leitmotiv werden zu lassen?
Ich bin überzeugt davon, dass man ein spezieller Typ sein muss, um Schiedsrichter zu werden. Komplette, 100-prozentige Unparteilichkeit ist wirklich unheimlich schwierig zu erlangen. Aber sie ist unser höchstes Gut, ich identifiziere mich damit vollkommen. Je professioneller du pfeifst, desto mehr legst du Parteilichkeit ab. Ich behaupte, dass für mich immer schon klar war: Wenn das Spiel beginnt, sind alle gleich. Ich beurteile ausschließlich auf Basis des Regelwerks und nach bestem Wissen und Gewissen. Parteiisch zu sein, das passte noch nie zu meinem Koordinatensystem, mir war auch bewusst, dass es mir schaden würde. Aber es ist auch ein Lernprozess.
Was hat dich persönlich dazu bewogen, Schiedsrichter zu werden?
Ehrlich gesagt wurde ich damals dazu ermutigt. In unserem Verein gab es, wie in vielen anderen Vereinen auch, zu wenige Schiedsrichter. Unser Obmann hat dann zwei Kumpels und mich angesprochen, ob wir den Lehrgang machen wollen würden. Die beiden anderen haben zugesagt, ich hatte keine Lust. Ein Jahr später, da war ich 15, haben sie mich überredet. Es würde total viel Spaß machen und mir bestimmt gut liegen, haben sie gesagt. Na gut, habe ich gedacht, dann gehe ich halt mal hin. Und was soll ich sagen: Schon in meinem ersten Spiel habe ich gespürt, dass das was für mich sein könnte. Wie der Zufall es wollte, wurde ich sehr schnell von einem Schiedsrichterbeobachter als Talent entdeckt und gefördert. Und dann kam eins zum anderen.
Wenn du dich an deine Anfangszeit erinnerst: Wie schwierig war es damals, Menschen für das Amt zu gewinnen?
Ich kann das nicht mit empirischen Daten belegen. Es gab die Typen wie mich, die ermutigt werden mussten. Aber es gab auch viele, die das gern machen wollten, die sogar Idole unter den Schiedsrichtern hatten, denen sie nacheifern wollten. Über den Daumen gepeilt würde ich sagen, das Verhältnis war 50:50.
Ist es heute schwieriger oder leichter, und warum?
Das ist eine sehr interessante Frage, die ich auch nicht eindeutig beantworten kann. Auf der einen Seite wird es immer schwieriger, weil wir es uns im Fußball oft selbst schwer machen. Die negativen Seiten des Amtes – hoher Druck, Konfrontation mit verbaler und körperlicher Gewalt, Umgang mit Fehlern – werden oft zusätzlich in ein schlechtes Licht gerückt, was es schwierig macht, junge Menschen davon zu überzeugen, dass es ein tolles Amt ist. Auf der anderen Seite haben wir in den vergangenen Jahren über einige wichtige Projekte die Nachwuchsgewinnung ankurbeln können, wir sind aktuell bei rund 60.000 Schiedsrichtern in Deutschland, und diese Zahl bezieht sich nur auf den Fußball! Das ist eine enorme Zahl, und ich finde, dass wir mit unserer Art, uns und unser Amt zu präsentieren, sehr viel beeinflussen können.
Trikottag
Was ist der Trikottag?
Der Trikottag ist der nationale Feiertag für den Vereinssport in Deutschland. Er ist eine Aktion des DOSB und seiner Mitgliedsorganisationen. Beim Trikottag geht es darum, Sichtbarkeit für die Sportvereine zu schaffen und für das, was sie tagtäglich für die Menschen und für unsere Gesellschaft leisten. Sport im Verein trägt zur Gesundheit der Menschen bei, er verbindet, ist Motor für Integration und Inklusion und einer der ganz wenigen Orte, an denen Menschen noch zusammenkommen unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung oder anderer Merkmale.
Jede Woche beteiligen und engagieren sich Millionen von Menschen in den 86.000 Sportvereinen in Deutschland. Dieses Engagement und diese Vielfalt wollen wir gemeinsam einen Tag lang auch im Alltag zeigen und sichtbar machen.
Fahrradfahren für mehr Unabhängigkeit
Das ehrenamtliche und freiwillige Engagement bildet das Fundament des Vereinssports in Deutschland. Ohne die Millionen Engagierten wären die vielfältigen Angebote im Freizeit-, Gesundheits- und Wettkampfsport nicht denkbar. Mit unserem Format „Engagement der Woche“ stellen wir regelmäßig Menschen und Vereine vor, die diese tragende Säule des Sports sichtbar machen und dafür von den Sternen des Sports ausgezeichnet wurden. In dieser Woche präsentieren wir den Verein „Move and Meet“ aus Münster.
Selbständigkeit, Flexibilität und Teilhabe
„Viele Frauen, die zu uns kommen, hatten bisher keine Möglichkeit, Fahrradfahren zu lernen. Dabei bedeutet es für die meisten im Alltag: Selbstständigkeit, Flexibilität und Teilhabe.“ So beschreibt Laura Verweyen die Bedeutung des Projekts „Bike and Meet“ des Münsteraner Vereins Move and Meet e.V..
Für viele Menschen ist Fahrradfahren selbstverständlich. Für andere hingegen ist es ein unerfüllter Wunsch oft verbunden mit Angst vor Stürzen und dem Straßenverkehr, fehlenden Möglichkeiten oder strukturellen Hürden. Genau hier setzt das Angebot des Sport- und Bildungsvereins an: Gemeinsam mit anderen Frauen in einem geschützten Raum lernen, sich auf dem Fahrrad sicher zu bewegen.
Ein eigenes Fahrrad ist für eine Kursteilnahme nicht nötig. Fahrräder und Helme stehen für die Kurse bereit und geschulten Trainerinnen begleiten die Teilnehmerinnen vom Gleichgewichtstraining bis zum sicheren Verhalten im Straßenverkehr. „Einige Frauen haben schon erste Erfahrungen mit dem Rad gemacht, sind aber durch Stürze oder langen Pausen verunsichert“, erklärt Verweyen. „Als Kurseinstieg beginnen wir deshalb mit Gleichgewichtstraining, dann geht es an das Bremsen, Anfahren, Kurvenfahren und den Schulterblick. Später kommt die Straßenverkehrsordnung dazu. Am Ende der 8 bis 10-wöchigen Kurse bieten wir auch noch Reparaturworkshops an.“
Sport und Bewegung: Unverzichtbare Säulen der Gesundheit
In einer Zeit, in der Bewegungsmangel zunehmend zu gesundheitlichen Problemen führt, unterstreicht der DOSB die wichtige Rolle regelmäßiger körperlicher Aktivität als Grundlage für ein gesundes und aktives Leben. Der organisierte Sport bietet mit seinen breiten- und gesundheitssportlichen Angeboten in seinen rund 86.000 Vereinen weit mehr als Freizeitbeschäftigungen – sie sind essenziell für körperliches, geistiges und soziales Wohlbefinden.
Bewegung als Schlüssel zur Prävention
Regelmäßige körperliche Aktivität stärkt das Herz-Kreislauf-System, verbessert die Muskulatur und fördert die Beweglichkeit. Gleichzeitig reduziert sie das Risiko für zahlreiche Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes Typ 2 oder Rückenbeschwerden. Auch auf die Psyche hat Bewegung eine nachweislich positive Wirkung: Stress wird abgebaut, die Stimmung verbessert sich, und das allgemeine Wohlbefinden steigt. Gerade in einer zunehmend sitzenden Gesellschaft wird es immer wichtiger, gezielt für Ausgleich zu sorgen. Schon moderate Bewegung – wie zügiges Gehen, Radfahren oder gezielte Gymnastik – kann einen großen Unterschied machen.
Qualitätsgeprüfte Angebote
Insbesondere Kurse, die mit dem Siegel SPORT PRO GESUNDHEIT ausgezeichnet sind, bringen Transparenz und Verlässlichkeit für die Teilnehmenden. Dieses Qualitätssiegel steht für geprüfte Präventionsangebote, die gezielt auf die nachhaltige Förderung der Gesundheit ausgerichtet sind. Kurse mit diesem Siegel zeichnen sich durch mehrere wichtige Merkmale aus:
- Wissenschaftlich fundierte Inhalte: Die Programme basieren auf aktuellen sportwissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnissen.
- Qualifizierte Kursleitungen: Die Übungsleitungen verfügen über spezielle Ausbildungen im Gesundheitssport.
- Zielgerichtete Prävention: Die Kurse sind darauf ausgelegt, gesundheitliche Ressourcen zu stärken.
- Individuelle Anpassung: Teilnehmende werden entsprechend ihrer persönlichen Voraussetzungen zielgruppenspezifisch betreut.
Fair Play Preise des Deutschen Sports 2025 an Tabea Frohn und Julian Köster
Stifter des jährlich vergebenen Fair Play Preises des Deutschen Sports sind der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und der Verband Deutscher Sportjournalisten (VDS). Sie ehren Personen und Initiativen, die Respekt, Freundschaft oder Solidarität auf und neben dem Platz vorleben – und sich durch ihr Engagement für eine inklusive Sportkultur auszeichnen.
Tabea Frohn: Eine faire und menschliche Geste
Die Breitensportlerin ordnete ihren Erfolg während eines Triathlons unter, um einer kollabierten Freundin zu helfen – und kam als eine der Letzten ins Ziel.
„Diese Geste ist gleichermaßen fair und menschlich. Sie erinnert uns auch an den letztjährigen Hauptpreisträger Noah Steinert, der bei einem Grundschulwettbewerb einem verletzten Freund zur Seite stand“, sagt Prof. Dr. Manfred Lämmer, Vorsitzender der Jury und Vorstandsmitglied der Deutschen Olympischen Akademie (DOA). „Dass – wie sich im Nachhinein herausstellte – die betroffene Athletin im Wettkampf einen Herzinfarkt erlitt, macht das Handeln von Tabea Frohn umso wertvoller.“


